Nicht Fisch, nicht Vogel

Das Theater St. Gallen zeigt den Bilderbuchklassiker «Das kleine Ich-bin-Ich» als mobile Produktion und im Studio: Eine liebenswert-originelle Anleitung zur Bewältigung von Identitätskrisen, die auch Grossen guttut.

Bettina Kugler
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Submarine Ichsuche: Das kleine Ich-bin-Ich (Marcus Schäfer) taucht ab – und bleibt am Ende doch unverwechselbar kleinkariert. (Bild: Urs Bucher)

Submarine Ichsuche: Das kleine Ich-bin-Ich (Marcus Schäfer) taucht ab – und bleibt am Ende doch unverwechselbar kleinkariert. (Bild: Urs Bucher)

Kinderleicht bastelt sich so ein Ich-bin-Ich. Mehr als zwei Stoffreste (rosa-weiss-kariert), ein bisschen Wolle für Schwanz und Pony- fransen und Watte zum Füllen braucht es nicht; dann noch ein paar Nadelstiche – schon ist das Kuschelding parat für einen Wiesenspaziergang, wie ihn das kleine Ich-bin-Ich im Bilderbuchklassiker der österreichischen Autorin Mira Lobe erlebt. Vor vierzig Jahren erschien die gereimte Geschichte erstmals; heute gibt es viersprachige Ausgaben für Kindergärten, in denen Migrantenkinder in der Mehrzahl sind und sich die Frage nach dem Wer-bin-Ich neu und anders stellt. Abgesehen davon, dass sie sich mit dem Grösserwerden nicht erledigt.

Ein Mannsbild von Ich-bin-Ich

Von einer bunten Blumenwiese, wie sie das Buch eingangs in geradezu rousseauscher Urwaldüppigkeit vorstellt, kann allerdings im Studio des Theaters St. Gallen nicht die Rede sein. Und das Wesen, dessen Kopf aus rosa-weiss-karierter Bettwäsche hervorlugt, hat abgesehen vom karierten Pyjama keinerlei Ähnlichkeit mit dem Wattewürmchen, das bald in eine schwere Identitätskrise stürzen wird.

Mannsgross ist es; es trägt Bart und auffällig gemusterte Dessous und sieht alles in allem aus wie Schauspieler Marcus Schäfer vor dem Frühstück. Wenn man denn annimmt, dass der morgens in einem liebevoll ausstaffierten Mädchenzimmer mit weiss gestrichenen Möbeln, gut bestücktem Kleiderkasten und pastellfarbenem Teppich aufwacht.

Ausstatter Peter Nolle nämlich hat sich für das Interieur im gerade angesagten Flohmarktstil am karierten Stoffmuster der Bilderbuchzeichnungen von Susi Weigel inspiriert und im Gegenzug darauf verzichtet, Schäfer in ein überdimensionales Kuscheltier aus Restwolle zu verwandeln. Zum Glück! Denn damit rückt die Geschichte kleinen wie grossen Zuschauern gleich etwas näher.

Spielen mit dem Text

Überhaupt denkt Regisseurin Antonia Brix nicht daran, 45 Minuten lang bloss eine bunte Tierparade aufmarschieren zu lassen, vom Frosch über Pferd und Fohlen, von Vögeln bis zu kläffenden Kötern an der Leine, mit dem immer gleichen Fazit: dass nämlich das Ich-bin-Ich anders ist und allein durch die Welt spazieren muss. Bis ihm schlagartig klar wird, dass es trotzdem da ist und gerade richtig so, wie es aussieht.

Umso mehr dürfen die drei Schauspieler (fast) so aussehen wie normale Menschen – oder vielmehr wie Kinder, die sich mit grünem Anzug, langer Blondperrückenmähne oder Federboa als Frosch, Fohlen oder Papageien verkleiden. Was die beiden neuen Gesichter im Ensemble, Meda Gheorgiu-Banciu und Tim Kalhammer-Loew, mit sichtlichem Vergnügen, aber ohne Anbiederung ans Publikum tun. Wenig genügt ihnen, um die verschiedenen Tiercharaktere zu zeichnen; wie schön Bühnendeutsch ist, erleben hier schon Dreikäsehochs. Denn die Produktion widmet den Versen Mira Lobes gebührend Aufmerksamkeit. Wenn eine Textvorlage schon einmal so klangvoll und musikträchtig ist!

Kanons und Karo-Poesie

Ruhig und beharrlich wird also wiederholt im Kanon gesungen, der Text als Stimmpartitur behandelt – die Musik des Schweizers Simon Ho erspart uns Songs von zwanghaft seichter Fröhlichkeit. Abseits des immer gleichen Kindermusical-Gedudels setzt sie auf Lautartistik, auf Minimal Music, Experimentelles und Atmosphärisches: etwa, wenn ferngesteuerte Fischballons bei heruntergedimmter Unterwasserbeleuchtung durch den Raum schweben.

Witz und Poesie traben einträchtig nebeneinander auf dieser Blumenwiese, die vor allem im Kopf blüht – während sich Meda Gheorgiu-Banciu, Tim Kalhammer-Loew und Marcus Schäfer an der karierten Modekollektion und den Spielmöglichkeiten der drehbaren Schrankkulisse ergötzen. Natürlich kommt irgendwann, ganz beiläufig, auch noch ein blauer Wollpuschel ins Spiel. Aber wir hätten Du-weisst-schon-wen auch so ins Herz geschlossen.

Nächste Vorstellungen: Morgen Mi, 27.10. (14 Uhr); 31.10. (14/17 Uhr).