Neujahrskonzert

Welche Autorität. Welches Selbstbewusstsein. Welch ostentativer Gestaltungs- und Unterwerfungswille. Scharf beobachtet Minetti den neuen Stardirigenten der Städtischen Philharmonie, der sein Neujahrskonzert mit «Die Schönbrunner» von Lanner, dem «Vater des Wiener Walzer», eröffnet.

Keller & Kuhn
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Welche Autorität. Welches Selbstbewusstsein. Welch ostentativer Gestaltungs- und Unterwerfungswille. Scharf beobachtet Minetti den neuen Stardirigenten der Städtischen Philharmonie, der sein Neujahrskonzert mit «Die Schönbrunner» von Lanner, dem «Vater des Wiener Walzer», eröffnet. Welche Eleganz und welche Subtilität der Stabführung! Man könnte ob der schwärmerischen Verehrung, die diesen genialischen Charakteren entgegengebracht wird, eifersüchtig werden, gesteht sich Minetti ein. Eine Zeitlang zog er ernsthaft die Dirigentenlaufbahn in Betracht, und noch immer kann er sich an ausgefeilter, dirigentischer Bewegungskunst kaum sattsehen. Nichts überlassen diese Meister emphatischer Gestik dem Zufall. Jeden Finger, jedes Fingerglied, jede Faser des Körpers scheinen sie autonom und in feinsten Nuancen ihrer musikalischen Auffassung unterstellen zu können. Ja, es würde Minetti nicht überraschen, wenn sich noch die Zehen in den gewienerten Schuhen dieses jungen Meisters der Dirigierkunst mit ähnlicher Delikatesse bewegen würden. Als die Philharmonie nun geradezu im Galopp in den «Reiter-Marsch» von Johann Strauss Sohn eintaucht, braucht es Minettis ganze Willenskraft, um sich nicht das Zehenballett in den Dirigentenschuhen vorzustellen. Zu gross wäre die Gefahr, in einem unpassenden Moment in spontanen Applaus auszubrechen!