Neugierde über den Tod hinaus

Die 51. Solothurner Filmtage waren am Wochenende von zwei posthumen Beiträgen geprägt. Den letzten Filmen von Mathias Gnädinger und Peter Liechti. Doch auch darüber hinaus waren der Tod und das Danach ein Thema.

Andreas Stock
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Sie harmonieren gut: Der Rapperswiler Loic Sho Güntensperger als Hiro und Mathias Gnädinger als Toni Sommer in «Der grosse Sommer». (Bild: pd)

Sie harmonieren gut: Der Rapperswiler Loic Sho Güntensperger als Hiro und Mathias Gnädinger als Toni Sommer in «Der grosse Sommer». (Bild: pd)

Erinnerungen, letzte Bilder, ein Buch, eine Hommage, zwei Filme: In Solothurn wurde an zwei sehr unterschiedliche, grosse Namen des Schweizer Films erinnert. An den am 4. April 2014 verstorbenen Peter Liechti und den am 3. April 2015 verstorbenen Mathias Gnädinger. Am Samstag hatte «Der grosse Sommer», der letzte Film des beliebten Schauspielers, seine Premiere. Die Wohlfühlkomödie von Stefan Jäger zeigt Gnädinger in einer typischen Rolle. Oder vielleicht besser, einer Rolle, die der Schaffhauser sich dermassen einverleibt hat, dass sie noch einmal wie massgeschneidert zu ihm passt. Gnädinger spielt den einstigen Schwinger Toni Sommer, der, pensioniert und allein, nur noch eine Passion hat: Flaschenschiffe basteln. Dann kommt der grobschrötige Rentner auf kuriose Weise zu einem Kind. Jedenfalls steht er plötzlich in der Pflicht, den vorwitzigen zehnjährigen Waisenbub Hiro nach Japan zu begleiten, wo er in eine Sumoschule gehen will.

Liebevolle Hommage

Natürlich sieht man die letzte Rolle Gnädingers mit anderem Blick: mit Wehmut über den Verlust des begnadeten Schauspielers, der einen liebenswerten weichen Kern hatte, den seine fluchenden, rauhen Charaktergrinder meist bereits in einem sanftmütigen Blick zu erkennen gaben. Es macht Freude, ihn nochmal in einer Hauptrolle zu sehen. Noch mehr Gnädinger gab es in Solothurn in einer Ausstellung mit Fotos von Grischa Schmitz, die während der Dreharbeiten zu «Der grosse Sommer» entstanden sind. Und in einer Hommage, die Stefan Jäger drehte. In «Mathias Gnädinger – die Liebe seines Lebens» kommen seine Frau, Familie, Weggefährten und Freunde zu Wort. Der liebevolle Film versammelt Ausschnitte aus einigen der schönsten Rollen, Interviews mit Gnädinger und Bilder aus dem Archiv der Familie.

Kuriose Antworten

Über den Tod hinaus denkt auch der wunderbare Dokumentarfilm «Fragments du paradis». des Westschweizers Stéphane Goël: Gibt es ein Jenseits, und wie stellen Sie sich das Paradies vor? Goël ist mit den Fragen in Westschweizer Altenheime und Spitäler gegangen – und erhielt einen Schatz an berührenden, erheiternden, traurigen und kuriosen Antworten. Die statisch in Schwarzweiss gedrehten Gespräche verwebt er mit zwei Bildebenen: Mit alten Super-8-Aufnahmen und insbesondere mit einer Bergwanderung, die Goël mit seinem Vater unternimmt. Sie schlägt eine überraschende und bewegende Brücke zu den Interviews. Ein Film, der nachhallt.

Noch privater wird es bei Eva Vitija und ihrem «Das Leben drehen – wie mein Vater versuchte das Glück festzuhalten». Nach seinem Tod hinterlässt ihr der Vater ein umfangreiches Archiv mit Filmen, Fotografien und Dokumenten der Familiengeschichte. Fast obsessiv hatte der Vater alles filmisch festgehalten. Die Tochter nutzt das Material für einen Film über ihn – und erfährt vieles, das sie nicht wusste. So intim das teilweise wird – Eva Vitija findet mit einer guten Portion Ironie und im Nachdenken darüber, was und wie Bilder funktionieren, einen Stoff über das Familiäre hinaus – das ist unterhaltsam und anregend zugleich.

Schillernde Kunstfertigkeit

Wie zentral die Montage sein kann, zeigt nicht nur «Das Leben drehen», der aus einer Fülle von Material nicht bloss eine Geschichte destilliert. Vielmehr kann das raffinierte Geflecht der Bilder deren Sinn und Lesart erweitern. Auf bestechende Weise sieht man das in «Above and Below» von Nicolas Steiner. Was hier Cutter Kayan Inan mit dem Regisseur komponiert, ist von schillernder Kunstfertigkeit und entwickelt in Verbindung von Bild, Ton und Musik einen Sog.

Dennoch ist der Film weit davon entfernt, ob formaler Brillanz seine Protagonisten aus den Augen zu verlieren. Die Obdachlosen in den Entwässerungstunnels von Las Vegas, der Mann, der im Militärbunker lebt, und die Ex-Irak-Soldatin, die sich in der Wüste Utahs darauf vorbereitet, vielleicht einmal an einer Marsmission teilzunehmen – ihnen kommt Steiner nahe. Fern von Aussenseiterromantik, in bestechenden Bildern, nähert er sich mit respektvoller Neugierde. Oben und unten ist hier keine Frage von Lebensqualität, sondern von Lebensweise.

All diese Filme stiessen auf ein aufmerksames Publikum, das seine Begeisterung mit viel Applaus bekundete. Besonders bemerkenswert war das in «Zen for Nothing» von Werner Penzel. Er begleitet Sabine Timoteo in ein japanisches Zen-Kloster. Das Publikum liess sich gänzlich auf die konzentrierte Innerlichkeit des ruhigen Werks ein. Zu hören war oft nur das Knarren der Bretter im ehrwürdigen Konzertsaal, wo der Film Premiere feierte.

Kinostarts: Der grosse Sommer ab 28.1.; Above and Below 25.2.; Das Leben drehen im Mai, Zen for Nothing im Frühsommer

Szene aus «Dedications – die Lesung» von und mit Peter Liechti. (Bild: pd)

Szene aus «Dedications – die Lesung» von und mit Peter Liechti. (Bild: pd)

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