Neues Ostschweizer Residence-Programm liegt auf Eis: Die Stipendiaten sind ausgewählt, dürfen aber nicht einreisen

Das ziemlich einzigartige Ostschweizer Stipendiaten-Programm im Bereich Textildesign findet grosse Resonanz. Doch nun muss der geplante Start in Arbon verschoben werden.

Julia Nehmiz
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Chun Shao, Stipendiatin aus China, zeigt ihr Werk «Emotive-textiles» von 2019

Chun Shao, Stipendiatin aus China, zeigt ihr Werk «Emotive-textiles» von 2019

Bild: Chun Shao

Sie hätten im April ihre Arbeit aufnehmen sollen: die sieben Stipendiaten des neuen Ostschweizer Förderprogramms Textile and Design Alliance, kurz TaDa. Die Abkürzung klingt albern, das Programm ist ernsthaft. Zum ersten Mal sollte es genau jetzt stattfinden, ausgerichtet von den drei Kantonen St.Gallen, Thurgau und Appenzell Ausserrhoden, in Kooperation mit hiesigen Textilunternehmen.

Die erste Ausschreibung für junge Künstlerinnen und Künstler aller Sparten war erfolgreich, 176 Bewerberinnen und Bewerber aus 40 Ländern wollten drei Monate in Arbon leben, im dortigen Atelier und mit den ausgewählten Ostschweizer Textilunternehmen arbeiten.

Vor wenigen Wochen wurden die sieben Stipendiaten bekannt, drei aus der Schweiz, zwei aus Österreich, je eine aus Deutschland und China. Anstatt ihr Stipendium anzutreten, können sie jetzt nur per Videokonferenz miteinander kommunizieren.

Zwei Szenarien ausgearbeitet für den Neustart

Marianne Burki, Programmleiterin TaDa

Marianne Burki, Programmleiterin TaDa

Bild: Orion Hasanaj

Marianne Burki, Programmleiterin TaDa, nimmt es pragmatisch. Auch in den sozialen Medien und per Videocall könne man Wissen austauschen. Doch die Unsicherheit in der Coronakrise beschäftigt auch sie massiv: «Das ist unsere grosse Frage: Wann kann die Residency in Arbon starten?» Man habe zwei Szenarien erarbeitet. Das eine: Alle Stipendiaten kommen im September. Die Voraussetzung: Internationale Reisen sind bis dahin möglich. Das andere: Man müsse das erste Residency-Programm auf 2021 verschieben.

Ob man im September starten könne, werde im Juli entschieden. Es hänge nicht nur von den Grenzöffnungen und internationalen Reisemöglichkeiten ab, sondern auch, ob alle dann teilnehmen können. Viele Projekte wurden auf den Herbst verschoben.

Und die beteiligten Unternehmen? Die seien zur Zeit mit ganz anderen Problemen beschäftigt, sagt Burki. Die Textilindustrie, die global agiert, sei sehr betroffen von den Coronamassnahmen. «Wir alle wissen nicht, wie die Pandemie verlaufen wird.» Doch Burki spüre von allen Flexibilität und den Willen, dieses Projekt zu starten.

Win-win-Situation für Künstler und Unternehmen

Denn es sei wirklich ein fokussiertes Programm: Die konkrete Verknüpfung von Kunstschaffen mit der industriellen Textilproduktion, offen für alle Disziplinen – bei Burkis Recherchen ist ihr kein entsprechendes Stipendienprogramm untergekommen. Das Besondere: Es sei eben kein reiner Atelieraufenthalt für die Residents, sondern sie sollen mit hiesigen Textilunternehmen zusammenarbeiten. «Eine absolute Win-win-Situation», sagt Burki. Für die Künstlerinnen und Künstler, denn sie erhalten Einblicke in industrielles Schaffen, können eigene Ideen entwickeln. Für die Unternehmen: Sie bekommen einen künstlerischen Blick von aussen, der vielleicht ein Produkt weiterbringt oder neue Ideen generiert.

Stipendiatin Alexandra Hopf aus Deutschland überzeugte mit die Jury unter anderem mit ihrer Arbeit «Becoming Siren (Gimme Shelter)».

Stipendiatin Alexandra Hopf aus Deutschland überzeugte mit die Jury unter anderem mit ihrer Arbeit «Becoming Siren (Gimme Shelter)».

Bild: Alexandra Hopf

Erfahren in den üblichen Artist-in-Residence-Programmen die Kunstschaffenden eine Art kreativen Freiraum, werde der hier erweitert mit konkretem und praktischem Austausch mit den Textilunternehmen. «Es geht um diesen Austausch, auch um einen Perspektivwechsel», sagt Marianne Burki. Und in einem zweiten Schritt um eine Veröffentlichung, auch ein Publikum soll Einblick erhalten können.

Auch wenn die Künstlerinnen und Künstler ihre Ateliers in Arbon noch nicht bezogen haben, veröffentliche man bereits auf dem neuen TaDa-Instagram-Account Beiträge, um im Dialog zu bleiben und Wissen zu vermitteln. Damit, wenn die Stipendiaten und ihre Partnerfirmen endlich loslegen können, Spannendes und Kreatives entsteht.

Infos unter tada-residency.ch und auf instagram.com/tadaresidency