Neues Klassikalbum
Pat Metheny geht dem Jazz fremd: «Ich dachte zuerst gar nicht daran, es zu veröffentlichen»

Der Jazzgitarrist Pat Metheny kann auch klassische Musik komponieren. Das zeigt sein Werk für das Los Angeles Guitar Quartet.

Georg Rudiger
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Pat Metheny, 66: «Ich bin Ideengeber. Das Gitarrespielen ist mir als Künstler weniger wichtig.»

Pat Metheny, 66: «Ich bin Ideengeber. Das Gitarrespielen ist mir als Künstler weniger wichtig.»

Bild: Warner Music

Gebrochene Akkorde mit schnellen Tonwechseln und unregelmässigen Bässen. So beginnt Pat Methenys neues Album «Road To The Sun». Die vierteilige Suite für akustische Gitarre «Four Paths Of Light» klingt durchsichtig, voll und fragil. Aber es ist nicht Pat Methenys Ton, der da erklingt.

Der klassische Gitarrist Jason Vieaux spielt Methenys Komposition. «Ich habe mich in all den Jahren auch als Ideengeber, Bandleader und Komponist gefühlt – dieses Projekt ist ein weiterer Ausdruck davon. Das Gitarrespielen ist mir als Künstler weniger wichtig, obwohl es mir natürlich viel Freude macht», erklärt Pat Metheny.

Auf seinem letzten Album, «From This Place» (2020), war der 66-jährige US-Amerikaner noch als Gitarrist präsent und entwickelte gemeinsam mit seinen drei Bandkollegen die berühmten, immer melodisch geprägten, weit ausgreifenden Improvisationen auf der E-Gitarre. Das Filmmusik-Orchester Hollywood Studio Symphony sorgte für sinfonisches Pathos und streichergetränkte Klangflächen.

Nichts davon ist zu hören auf dem neuen Album. Keine Soundspielereien, sondern Reduktion auf das musikalische Material. Kein Streicherteppich, glasklare Transparenz. Auch beim sechsteiligen «Road To The Sun», gespielt vom Los Angeles Guitar Quartet (LAGQ), bleibt die kammermusikalische Intimität erhalten. Im vierten Satz wird es einmal experimenteller, mit Geräuschen auf der Saite, der zweite Satz endet orchestral.

Stücke sollen auch von anderen Musikern gespielt werden

«Bezüglich LAGQ und Jason war mir bewusst, dass ich nicht nur ihre künstlerische Individualität beachten muss, sondern auch, dass sie auskomponiertes Material brauchen. Die Herausforderung für mich als Komponist war, eine Notation zu finden, die jedes Detail berücksichtigt, sodass die Stücke künftig auch von anderen Interpreten gespielt werden können. Auskomponierte Musik trägt für mich eine grosse Schönheit in sich», erklärt der 20-fache Grammy-Gewinner.

Das Album sei schon vor der Pandemie entstanden. Im Lockdown selbst hat er musikalisch intensiv gearbeitet – bis zu zwölf Stunden am Tag. «Dieser Lebensabschnitt ist für mich der bürgerlichste seit meiner Zeit in der Junior High School.»

Am Ende des neuen Albums ist Pat Metheny doch noch zu hören, und zwar auf der für ihn gebauten 42-saitigen Pikasso-Gitarre. Von tiefen Bässen bis zu sphärischen Höhen reicht der Klangraum, das Mitschwingen der Resonanzsaiten erinnert an eine indische Sitar. Der grosse Nachhall verleiht dem ursprünglich für Klavier komponierten Stück «Für Alina» von Arvo Pärt einen meditativen Klangraum.

«Pärt ist einzigartig und ein grossartiges Beispiel von einem Musiker, der Grenzen überschreitet.»

Metheny fügt an: «Er besitzt die Fähigkeit, eine tiefe Bindung zu den Menschen her­zustellen, indem er eine musikalische Umgebung schafft, in der man Dinge bemerkt, die einem zuvor nicht auf­gefallen sind.»

Jede Tonbewegung wird in der ruhigen Atmosphäre zum Ereignis. Das Nachklingen ermöglicht ein Nachhören und Nachdenken über die Musik. «Ich dachte zuerst gar nicht daran, es zu veröffentlichen. Aber als ich die anderen Kompositionen be­endet hatte, fand ich, dass dieses Stück als Bonustrack einen interes­santen Abschluss des Albums bilden könnte.»

Pat Metheny:
«Road To The Sun» (Modern Recordings).