Neues Buch von Jamel Brinkley gibt Einblick in eine amerikanischen Parallelwelt

Männlich, schwarz und stark verunsichert: Aus dieser Perspektive erzählt der New Yorker Jamel Brinkley.

Tina Uhlmann
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Der New Yorker Schriftsteller Jamel Brinkley.

Der New Yorker Schriftsteller Jamel Brinkley.

Bild: Arash Saedinia

Kann man das literarische Handwerk lernen wie das der Schneiderin oder des Schreiners? Lange waren die Methoden des amerikanischen Creative Writing im deutschen Sprachraum suspekt. Inzwischen gibt es selbst in der Schweiz ein Literaturinstitut, an dem man sich zum Autor, zur Schriftstellerin ausbilden lassen kann. Auch Jamel Brinkley, neuer Darling der US-Literaturkritik, hat mit dem Iowa Writer’s Workshop einen solchen Studiengang absolviert. Seine Kurzgeschichten erinnern an den frühen T. C. Boyle, einen der ersten Stars des Creative Writing. Wie Boyle schreibt Brinkley meist aus männlicher Perspektive, siedelt seine Figuren am Rand der Gesellschaft an und entwickelt schon nach wenigen Zeilen einen starken erzählerischen Sog. Eines jedoch ist anders bei ihm: Seine Welt ist schwarz.

Geschichten mit Antihelden

«Schwarz ist hart wie Quarz», heisst es in der New Yorker Bronx. Doch Blood ist weich, zu weich und scheu nach Micahs Meinung. Nun sind die beiden unterwegs zur Freiluft-Meditationsrunde für «coloured people» in einem Park mit Sklavenmahnmal. Natürlich wollen Micah und Blood nicht meditieren. Vielmehr werden sie die anwesenden Frauen begutachten, denn Schürzenjäger Micah, dessen Freundin Cody bei ihrer Familie in Ghana weilt, hat sich in den Kopf gesetzt, endlich auch eine «Queen» für Blood zu finden.

Was Micah nicht weiss: Blood ist seit langem in Cody verliebt; die «Ärsche», die er ihm im Park zeigen will, interessieren ihn nicht. Eine Queen ist auch Fat Rhonda. In der Highschool wurde sie gequält. Und Klassenschönling Wolf wurde zum King, nachdem er sie in der Kirche entjungfert hatte – die ultimative Mutprobe! Womit Wolf nicht gerechnet hatte: Dass Sex mit der fetten Rhonda schön sein kann.

«Es überraschte ihn, wie sehr es ihm gefiel, dass es immer mehr von ihr gab – sie sich regelrecht weitete, füllte, vertiefte –, mehr als er je fassen könnte. Sie gab ihm das Gefühl, es gäbe auch von ihm mehr.»

Nun, nach 20 Jahren, kommt Rhonda noch fetter und sehr selbstbewusst zum Klassentreffen. Alle ignorieren sie. Nur Wolf fasst sich ein Herz und spricht sie an. Gemeinsam verlassen sie das Fest. Doch nichts ist mehr wie damals.

Das Klischee von der erotischen schwarzen Frau und dem potenten schwarzen Mann irritiert in Texten eines afroamerikanischen Autors, der als neue literarische Hoffnung gefeiert wird. Doch Jamel Brinkley baut die Klischees nur auf, um sie mit einer Subtilität zu unterlaufen, die Leserinnen und Leser mit ihrem eigenen, klischierten Denken konfrontiert. Dies gilt insbesondere für weisse Menschen, denen er seltene Einblicke gewährt. Dann schliesst sich das Türchen wieder, und Brinkleys Short Storys enden in der Schwebe, an einem Punkt, wo die verunsicherten Protagonisten entscheiden können: Rückschritt ins Altbekannte oder Neuanfang im Ungewissen? Noch lange denkt man mit ihnen nach.

Tipp:

Jamel Brinkley: Unverschämtes Glück

Kein & Aber
329 Seiten