Neues Buch von Hansjörg Schertenleib: die Nebensache wird zur Hauptsache

In seinem jüngsten Buch, «Palast der Stille», geht Hansjörg Schertenleib auf einer einsamen amerikanischen Insel auf die Suche nach sich selbst.

Charles Linsmayer
Drucken
Teilen
Autor Hansjörg Schertenleib.

Autor Hansjörg Schertenleib.

Bild: Getty Images

Er wolle «nicht länger effizient sein, strebsam, zwanghaft optimistisch und erfolgsorientiert», bekennt Hansjörg Schertenleib auf den ersten Seiten seines Buches über den Rückzug in den «Palast der Stille» auf Spruce Head Island im amerikanischen Maine. Weshalb es nur folgerichtig ist, dass die auf dem Vorsatzblatt aufgedruckte Mitteilung «Walden Pond, Massachusetts» zwar an David Henry Thoreau und sein 1854 erschienenes Hütten-Tagebuch «Walden» anspielt, dass Schertenleib aber der Versuchung widersteht, seine Zivilisationsverweigerung mit Thoreau als Vorbild in die aktuelle Klimadiskussion einzubringen.

Das Cottage-Tagebuch, das er vorlegt, ähnelt «Walden» zwar in formaler Hinsicht, aber es geht ihm nicht darum, eine asketische, naturnahe Lebensweise als nachahmenswert zu propagieren. «Bleibt er in der Schweiz, geht er unter», heisst es von dem Schreibenden, der mal in der ersten, mal in der dritten Person von sich spricht, und was er nach drei Jahren Einsiedlerleben in seiner Fluchtoase im amerikanischen Wald anstrebt, ist eine radikal ehrliche Bilanz seiner menschlichen und schriftstellerischen Existenz.

«Wer eine Geschichte erzählt, erzählt immer auch von sich»

Es ist tiefster Winter mit grimmiger Kälte und tiefem Schnee auf der einsamen Insel, und der Erzähler ist damit beschäftigt, den Alltag in dem Cottage zu bewältigen, gegen die Kälte anzukämpfen, sich und die Katze Smilla zu ernähren und einen Pfad durch den Schnee zu schaufeln, auf dem er schliesslich zu jenem Ausguck durchdringen kann, von dem aus er auf den Atlantik hinaus schauen kann. Von Menschen hält er sich ebenso fern wie seinerzeit im irischen Donegal, wo er 1996 bis 2005 mit Sabine Reber lebte:

«Ich will nicht dazugehören, ich will meine Ruhe.»

Auch wenn er die Umgebung mit wachem Blick beobachtet: sein Interesse gilt dem, was mit ihm passiert ist, seit er 1977 als Absolvent der Zürcher Kunstgewerbeschule zu schreiben begann und sich damit einer Art Grössenwahn aussetzte. Urs Widmer ermutigte ihn nach der Lektüre des selbstfabrizierten Erstlings «Somania», die Zürcher Unruhen von 1980 machten ihn zum Gesellschaftskritiker, im Künstlerhaus Boswil lebte er in einem «Warteraum des Todes».

Der Roman «Das Zimmer der Signora» brachte ihm 1996 den Durchbruch, aber vom Anspruch, den er «an das Abenteuer Schreiben» stellte, liess er sich nie abbringen: «Jedes Buch, das er fortan in Angriff nimmt, wird ihn in unbekanntes Gelände führen, in dem er sich verlaufen und verirren darf.» Jetzt, 2019 in Amerika, als er sich endlich zu seinem Ausguck durchgekämpft hat, weiss er: «Wer eine Geschichte erzählt, erzählt immer auch von sich. Wer schreibt, muss nicht nur aus der bodenlosen Tiefe an die Oberfläche tauchen, er muss ebenso untergehen können und ertrinken, um nach langen Schrecksekunden wieder zum Leben zu erwachen.»

Als wolle er dem Rückzug auf sich selbst nochmals entkommen, fügt Schertenleib in sein Tagebuch nicht nur die kuriosen Geschichten ein, wie er zu seinem Tisch und seinem Stuhl gelangte, sondern auch die Evokation von Schrecksekunden, die andere erlebten. Wie der Soldat Karl Schilcher 1945 aus dem Trauma erwacht, in das ihn die Bordkanonen russischer Tiefflieger gestürzt haben, wie Amra Kadrić 1993 in Sarajevo von Scharfschützen erschossen wird, wie der Nigerianer Princewell das Scheitern seiner Flucht nach Europa verkraftet. Szenen, die in ihrer Drastik an «Die Namenlosen» von 2000 und deren blutrünstige Todesschwadron erinnern. Den letzten Text, und vielleicht auch die beiden anderen, will der Erzähler allerdings wieder löschen, denn: «Was weiss ich über Menschen, die, aus welchen Gründen auch immer, gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen?»

Das nahe Sterben macht die Menschen zivilisierter

Die Antwort auf diese Frage, die vieles in Frage stellt, was Schertenleib geschrieben hat, ist vielleicht dieses Buch und seine elegische Stimmung zwischen Vergangenheit und Tod, ist vielleicht die zuletzt wiederaufgenommene Erinnerung an die Zeit im Künstlerhaus Boswil, als ihm klar wurde, «wie zivilisierter es doch zugehen kann unter Menschen, die bald sterben und sich nicht länger fragen, wie man leben soll, da man doch um sein Ende weiss.»

So dass die Lebensbilanz in eine sanfte Resignation mündet, zuletzt doch die Nebensache zur Hauptsache wird und das Schnurren der Katze, der Wind in den Bäumen, die Schreie der Möwen, das lautlose Fallen des Schnees zur Quintessenz eines Buches werden, in dem sich Sätze finden wie «Der Rauch, der aus unserem Kamin steigt, ist das Seil, an dem das Cottage am Himmel hängt; liege ich lesend im Bett, spüre ich es schweben, je nach Buch stärker oder schwächer hin und her schaukeln, bis es, nach kurzem Zaudern, abhebt und ziellos davontreibt.»

Tipp:
Hansjörg Schertenleib: Palast der Stille
Reihe Gatsby
Kampa Verlag
176 Seiten
ab 29. Januar im Buchhandel

Weitere Artikel unserer Literatur-Redaktion finden Sie hier: