Neues Buch über die DDR: «Das Trauma mangelnder Wertschätzung hält bis heute an»

Was folgte in Ostdeutschland nach dem «kollektiven Schock» der Wiedervereinigung? Der Soziologe Steffen Mau geht dem nach.

Bernadette Conrad
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Steffen Mau schaut ein Land an, das es nicht mehr gibt – und wendet sich dem Übergang dieses Landes in ein anderes zu. Dafür nimmt er mit der Hochhaussiedlung Lütten Klein jenen sozialen Raum unter die Lupe, den er am besten kennt: In der seit 1962 gebauten ­«Platte» zwischen Rostock und Warne­münde ist er aufgewachsen. Ende der 1970er lebten 40000 Menschen dort, galt doch damals gerade für Familien mit Kindern die Hochhaussiedlung als attraktiv, weil bequem mit eigenem Bad und Heizung versorgt.

«Alles war da», bis zur Mehrzweckhalle für Feste. Fast ein Viertel der DDR-Bevölkerung lebte in sogenannten Neubaugebieten. Es handelte sich um eine ideologisch absichtsvolle Architektur, geplant im Blick auf die Lebensweise, die die DDR als Arbeiter-und-Bauern-Staat für ihre Bevölkerung vorsah: Die vereinheitlichende Kultur des Wohnens und Lebens war um den Lebensmittelpunkt Arbeit angelegt. Die Familie des Chefarztes und jene des Arbeiters lebten auf gleichermassen engem Raum im schichtenübergreifenden Sozial­milieu, das, wie Mau schreibt, auf «Konformismus, nicht auf Ausdifferenzierung ausgelegt war».

Es waren also einander völlig entgegengesetzte Trends, die sich in den 1970er- und 80er-Jahren in den beiden Deutschlands herausbildeten: Der Individualisierung in Westdeutschland stand die staatlich organisierte Gleichschaltung in Ostdeutschland gegenüber, gegen die es Widerstände gerade von jungen Menschen gab, die sich in Nischen etablierten.

Zelebrierte Bande der nationalen Gemeinschaft zur Seite geräumt

Für seine Bilanz der Transformation liegt Mau daran, weder eine «ach so gemeinschaftliche» DDR zu verklären noch die von bundesdeutscher Seite idealisierte Wiedervereinigung kritiklos zu teilen. Viele Probleme seien «nicht nur Erblasten des Staatssozialismus, sondern im Zuge von Vereinigung und Transformation reproduziert, verstärkt oder gar hergestellt» ­worden. So kann, meint Mau, die Unbarmherzigkeit nicht geleugnet werden, mit der die «gerade noch zelebrierten Bande der nationalen Gemeinschaft» weg­gewischt und «ehemals volkseigene Betriebe, die sich als ‹nicht überlebensfähig› erwiesen, vom Markt geräumt wurden.

Die Treuhand setzte auf Zerschlagung und Verkauf, nicht auf den Erhalt eigenständiger industrieller Kerne. Als sie Ende 1994 aufgelöst wurde, waren noch 140 Firmen übrig.» Das «Trauma mangelnder Wertschätzung» halte bei vielen bis heute an. In welchem Mass dies mitbedacht werden muss, will man die bis heute spürbare Kluft zwischen Ost- und Westdeutschland begreifen, macht dieses kenntnis- und ­informationsreiche Buch sehr klar.

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