Aus Luzern
Neues Album: Die Kultband OM ist auch nach 50 Jahren unvermindert am Puls

Die Luzerner Band OM hat sich mit ihrem neuen Album «It’s About Time» nochmals selbst übertroffen. Mit kompositorischer Energie haben sie ihre Musik erneuert.

Pirmin Bossart
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Seit einem halben Jahrhundert in gleicher Besetzung - wann hat man sowas das letzte Mal erlebt? Christy Doran, Bobby Burri, Fredy Studer und Urs Leimgruber bilden die Kultband OM.

Seit einem halben Jahrhundert in gleicher Besetzung - wann hat man sowas das letzte Mal erlebt? Christy Doran, Bobby Burri, Fredy Studer und Urs Leimgruber bilden die Kultband OM.

Ralph Kuehne

Der erste Track «Like a Lake» ist ein Erwachen und Verglimmen, durchsetzt mit noisigen Mikro-Partikeln und einem stoisch dunklen Groove. Pure Atmosphäre, jenseits von Rock, Jazz oder Fusion. Ein vital gesprenkeltes Soundfeld steht unter rhythmischer Spannung. Ein überraschender Auftakt für ein Album, das schon im nächsten Track «Perpetual Motion Food» ein anarchisches Monster wird. Urs Leimgrubers Sax-Furor und Christy Dorans «dirty» Gitarren-Drive sind Weltklasse.

Die Luzerner Band OM ist ein Phänomen. Wie viele Bands gibt es weltweit, die ein halbes Jahrhundert lang in unveränderter Besetzung miteinander spielen und immer wieder neue Grenzen ausloten? Vor bald 50 Jahren haben die vier Luzerner Musiker mit ihrer «Electricjazz-Freemusic» europaweit Musikgeschichte geschrieben, dokumentiert auf vier Alben und genährt von unzähligen Auftritten an wichtigen Festivals. Ihr Electric-Jazz war grenzensprengender und zukunftsweisender als der damals üblichen Fusion-Jazz.

Zukunftsweisend ist auch ihr neues Album. Die Musik schert sich einen Deut um das Gewesene und das Zeitgeistige. Sie erfindet sich von innen heraus neu. Die Basis legen eine 50-jährigen Erfahrung der Musiker und ihr unbedingter Drang, in neue Dimensionen vorzustossen. Das war immer ihr Antrieb, nur mussten diesmal die Weichen klarer gestellt werden. Was haben sie sich mit ihren je eigenen Entwicklungen nach so langer Zeit weiterhin zu sagen? Wie hält man die gemeinsame Musik dringlich?

Wir sind musikalisch und auch menschlich wieder stärker zusammengerückt.»Christy Doran, Gitarrist und OM-Mitglied

«Wir haben uns musikalisch neu finden wollen», sagen die Musiker am Tisch, in Bobby Burris Dachwohnung in Luzern. Der Bassist ist der Einzige, der seit Jahren nicht mehr öffentlich aufgetreten ist, ausser mit OM. Christy Doran, Urs Leimgruber und Fredy Studer sind in der zeitgenössischen Jazz- und Improvisationsmusik präsent geblieben. Sie haben mit ihren Bands und Projekten und ihren verschiedenen Ästhetiken weit über die Schweiz hinaus Karrieren gemacht.

Kühnheit und Entschiedenheit

Nach ihrem Erfolgsjahrzehnt (1972–1982) machten OM 25 Jahre lang Pause, bis sie 2006 im KKL Luzern auf die Bühne zurückkehrten. «Das Konzert war zu gut, um es wieder sein zu lassen», sagt Urs Leimgruber. Seitdem gaben sie an ausgewählten Festivals bemerkenswerte Konzerte. Während zweier Jahre traten sie jeden Monat in der Jazzkantine Luzern auf und gingen auf eine Deutschland-Tournee. Es wurde ausschliesslich offen improvisiert. «Diese Phase war extrem wichtig für uns. Wir haben viel spielen können, viel diskutiert, viel ausprobiert», sind sich die Musiker einig. «Wir sind musikalisch und auch menschlich wieder stärker zusammengerückt», sagt Christy Doran.

OM wollten nicht einfach ein weiteres «Impro-Album» aufnehmen, sondern ihrem Sinn für Radikalität anders Ausdruck verleihen. Komponiertes Material und eine starke Affinität für die Klanglichkeit waren schon ganz früher ihre Ausgangsbasis. Dort knüpft «It’s About Time» wieder an. Das Album ist ein geschärftes Klangereignis, ein subtiles und auch heftiges Destillat aus Rhythmus und Sound, in dem Stille und Noise ohne Künstlichkeit koexistieren. Die Musik hat an Raum gewonnen.

Was den Sound im Innersten zusammenhält

Das Album klingt nicht nach den jazz-rockig-zeitgenössischen Freiflügen ihrer Jazzkantine-Konzerte. Das Energetische ersetzt die Stop-and-go-Dynamik. Inseln der Stille sind eigenständige und musikalisch minimalisierte Zonen, die dem Album eine ferne Ambient-Textur verleihen. Unvermindert kernig wirkt die Band mit ihren Kollektiv-Schüben, die das vermeintlich Eingerichtete erschüttern. OM nennen ihre Musik «electroAcoustiCore»: Das schlägt die Brücke vom Klanglich-Experimentellen zur inhärenten Power dieses Quartetts.

Die zersägten Bausteine aus Rock und Jazz, die Suche nach der Fusion jenseits der Fusion, die Verwandlung der Herkunft und der Einflüsse, all diese typischen Patterns und Motive der OM-Vergangenheit wurden auf «It’s About Time» neu eingeschmolzen. Jetzt geht es den Musikern um die Mikrostrukturen, die ihren Sound im Innersten zusammenhalten. Darin hat die Band einen weiten Raum geöffnet, der aufregend genug klingt, um die Bresche vibrieren zu hören, die OM in den avantgardistischen Jazz geschlagen hat.

OM, It’s About Time. Intakt. Album-Release: 20.11., Südpol, Luzern. Nächste Auftritte: 24.11., The Bird’s Eye Jazz Club, Basel.