Neuerdings auch auf Deutsch: Ann Petrys berührender Roman «The Street»

Ann Petrys Meilenstein der afroamerikanischen Literatur wurde bisher bereits 1.5 Millionen Mal verkauft. Jetzt soll das Buch auch den deutschsprachigen Büchermarkt erobern.

Tina Uhlmann
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Ann Petry: The StreetRomanN&K383 Seiten

Ann Petry: The Street
Roman
N&K
383 Seiten

Bild: zvg

Pop-Art-Künstler Andy Warhol war weit entfernt von seinem Statement «In Zukunft wird jeder Mensch 15 Minuten lang weltberühmt sein», als 1946 Ann Petrys Roman «The Street» erschien. Die Geschichte spielt im Schwarzenviertel Harlem, wo Lutie Johnson dem Teufelskreis von Armut, Gemeinheit und Gewalt entkommen will. Nicht nur für sich, sondern für ihren 8-jährigen Sohn Bubb will sie ein besseres Leben. Weder Bubbs Vater unterstützt sie noch ihr Vater. Die Mutter ist gestorben, und sie kann ihren Sohn nicht betreuen, weil sie den ganzen Tag arbeitet. So überlässt sie ihn einer denkbar schlechten Tagesmutter: der Strasse.

Männerbeute und Millionenerfolg

Hätte die Romanheldin Warhols Prophezeiung gekannt, hätte sie es vielleicht mit einer Popsternchenkarriere versucht, wie junge Frauen das heute tun. Denn Lutie Johnson ist nicht nur auffallend schön, sie singt auch wie eine Göttin. Dass man damit Geld verdienen kann, merkt sie in der Bar um die Ecke, wo der Musiker Boots sie hört und zu einer Probe mit seiner Band einlädt. Er verspricht ihr das Blaue vom Himmel und sich selbst rot glühende Liebesnächte. Doch der mächtige Besitzer der Bar und einiger Bordelle beansprucht Lutie für sich. Als sie Boots um ihren Lohn fürs Singen bittet, verweist er sie an den Zuhälter, zu dem sie «bloss ein wenig nett sein» müsse, um ungleich viel mehr zu verdienen. Doch Lutie ist stolz und anständig und will es bleiben. Dabei bräuchte sie das Geld dringend für einen Jungendanwalt. Denn Bubb hat sich auf die schiefe Bahn locken lassen.

Ann Petry, die Lutie Johnsons Geschichte so erzählt, dass man meint, mit ihr durch Harlems Strassen zu gehen, ist selbst nicht dort aufgewachsen. In eine afroamerikanische Apothekerfamilie hineingeboren, studierte sie Pharmazie und arbeitete im Familienbetrieb, bevor sie von Connecticut nach New York zog. Dort, mit dem Elend der schwarzen Bevölkerung konfrontiert, begann sie zu schreiben. Obwohl privilegiert, hatte Petry am eigenen Leib erfahren, was es in jener Zeit hiess, schwarz zu sein. In der weissen Kleinstadt ihrer Jugend war sie immer nur «das schwarze Mädchen» und von vielem ausgeschlossen geblieben. So schrieb sie aus der Sicht ihrer Heldin:

«Sie wollte mehr vom Leben (...), obwohl arm, schwarz und ausgeschlossen, als hätte man ihr eine Tür vor der Nase zugeschlagen. Nun, die würde sie aufstossen, notfalls mit dem Brecheisen.»

Petrys Roman, der in neuer deutscher Übersetzung vorliegt, hat Türen aufgestossen – er war das erste Buch einer Afroamerikanerin, das sich über 1,5 Millionen Mal verkaufte. Seither ist vieles anders geworden.