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Neuer Roman von Linus Reichlin: Keith Richards darf nicht tot sein

Im neuen Roman von Linus Reichlin gerät der Protagonist in ein skurriles Abenteuer mit dem Stones-Gitarristen. Und mit Johnny Depp.
Arno Renggli
Linus Reichlin. (Bild: David Biene)

Linus Reichlin. (Bild: David Biene)

Er ist witzig, der Roman des Aargauers und Wahlberliners Linus Reichlin. Einfach nur witzig? Nein, da geht es schon auch um Ernstes. Doch dieses kann man total missverstehen, wie die entsprechenden Nachfragen beim Autor beweist (siehe Kurzinterview unten).

Also bleiben wir zunächst beim Witz. Denn was für eine Story! Protagonist und Ich-Erzähler ist Fred Hundt, Experte für Wahrscheinlichkeitstheorie und als solcher ziemlich ausgebörnt. Jugendlichen die Relation von Zeit und Raum zu erklären, dafür ist ihm die Lust vergangen.

Lieber wäre der gut 60-Jährige ein Rockstar. Doch zu mehr als Hobbyrock hat er es bisher nicht gebracht. Als er erfährt, dass sein Lieblingsmusiker Keith Richards gestorben ist, bricht seine Welt zusammen. Wenn sogar Keith Richards stirbt, dann wird einem die eigene Sterblichkeit wie ein Hammerschlag bewusst.

Keith Richards will sein Vermächtnis schützen

Da meldet sich ein Freund und will, dass Fred sofort zu ihm in die USA fliegt. Der Freund ist eine Art Promi-Arzt. Und betreut auf einer einsamen Insel ... Keith Richards. Der ist auferstanden. Was aber niemand erfahren darf. Sonst – so die Befürchtung des Stars – würde er fortan als Naturphänomen und nicht mehr für sein musikalisches Werk in Erinnerung bleiben.

Natürlich hat Richards als offiziell Toter keinen Zugriff mehr auf sein Geld. Fred soll nun bei der Beschaffung von Kohle helfen und deswegen zu Johnny Depp pilgern. Der ist bekanntlich ein Freund von Richards. Aber auch ein ausgebuffter Schlaumeier. Als Richards inkognito wieder unter die Leute will, wird es endgültig schräg.

Mit Humor und extrem viel Sprachwitz erzählt Reichlin seine durchgeknallte Story und reiht die absurdesten Situationen aneinander. Köstlich geraten sich auch die Figuren, allen voran Keith Richards, dessen Auftreten bei aller Karikiertheit wohl nicht so weit von der Realität entfernt ist.

Auch die Episode mit Johnny Depp ist gelungen, obschon der Star im Buch wohl eher seiner Figur Jack Sparrows nachempfunden ist. Jetzt zum Ernst des Ganzen: Öfter wird erwähnt, dass die Menschheit angesichts der Dauer des ganzen Universums eigentlich kaum existiert. Was unsere Bedeutung ziemlich verkleinert und unsere Vergänglichkeit akzentuiert. Und wenn sogar der scheinbar unverwüstliche Keith Richards stirbt ...

Unsere Bedeutung im universellen Kontext

Aber dies tut er ja gerade nicht! Dass er dann seinen musikalischen Nimbus, der doch im universellen Kontext ebenfalls bedeutungslos ist, auf Kosten seines Soziallebens retten will, wirkt reichlich absurd.

Und gemahnt uns, dass letztlich vor allem unsere zwischenmenschlichen Beziehungen wichtig sind. Aber eben genau das haben wir wohl total missverstanden.

Linus Reichlin Keiths Probleme im Jenseits. Galiani Berlin, 254 S.

«Nicht unmöglich, dass jemand nie stirbt»

Trotz aller Komik geht es in Ihrem Buch auch um Existenzielles. Um die Relativierung unserer Bedeutung?

Linus Reichlin: Die Leute meiner Generation waren und sind gewissermassen Berufsjugendliche. Wir haben die Jugend in den 70er-Jahren erfunden. Rockmusik, vor allem die der Rolling Stones, war Ausdruck dieses Jugendkultes. Und Keith Richards bekam den Status eines Anführers der Unsterblichen, weil er trotz Drogenkonsum überlebte. Wenn er sterben würde, würden wir uns eingestehen müssen, dass die ewige Jugend vorbei ist. Folglich darf und wird er nicht sterben!

Aber irgendwann müssen alle sterben. Sogar er.

Nicht unbedingt. Die Prozesse, die zum natürlichen Tod eines Menschen führen, unterliegen nicht zwingend den Naturgesetzen, sondern sind lediglich höchstwahrscheinlich. Es gibt eine winzige Wahrscheinlichkeit, dass es nicht geschieht.

Die Menschheit ist im Universum zeitlich und räumlich marginal. Heisst das, dass grosse Errungenschaften nichts bedeuten? Und dass Keith Richards Versuch, sein Vermächtnis zu retten, absurd ist?

Errungenschaften der Kultur bedeuten alles! Angesichts der extremen Unwahrscheinlichkeit unserer Existenz sind sie das wahre Wunder, das unserer Existenz ihren Sinn gibt. Das Universum besteht nur aus Staub und leerem Raum, und dennoch erklingt in dieser Ödnis die wundervolle Musik von «Angie».

Der Protagonist ist in Ihrem Alter: Das führt zur etwas vorhersehbaren Frage, wie viel von Ihnen selber in seiner Befindlichkeit steckt?

Na, alles! Ich wollte in meiner Jugend Rockstar werden. Als ich Schützenkönig von Wil, St. Gallen, wurde und als Preis ein Velo bekam, versuchte ich dieses dem Preisstifter, einem Velohändler, wieder zu verkaufen, um mir von dem Geld eine Elektrogitarre im Musikhaus Felix zu erstehen. Der Velohändler lehnte wütend ab. Und darum hat das mit dem Rockstar nicht geklappt. (are)

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