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Neuer Roman von Alain Claude Sulzer: Wie sich 1968 ins Schaufenster drängte

In Alain Claude Sulzers neuem Roman «Unhaltbare Zustände» zerbricht ein biederer Schaufensterdekorateur am Zeitgeist der 68er. Mit feiner Ironie schickt ihn Sulzer in den Untergang und schafft ein kunstvolles Seelen- und Zeitporträt.
Hansruedi Kugler

Die Freude ist gross. Man kann also doch noch Frisches und Erhellendes über das Umbruchjahr 1968 lesen. Auch wenn das 68-Jubiläum letztes Jahr mit Helden und Mythen durchgefeiert, durchanalysiert und endgültig abgehakt schien. Denn der Basler Schriftsteller Alain Claude Sulzer hat einen bestechend originellen literarischen Zugang gefunden. Die Perspektive macht es aus: ein Kreativ-Angestellter, der vom neuen Zeitgeist verdrängt wird, nach einigem Zappeln und Toben untergeht und damit sogar einen möglichen, romantischen Liebesbeginn verspielt.

Lange Haare, verrückte Musik! Unhaltbare Zustände!

Der anschwellende Groll des Spiessers schwingt schon im Titel dieses Romans mit. «Unhaltbare Zustände» seien das, meint auch Stettler, der 58-jährige Chefdekorateur des Berner Warenhauses Quatre Saisons, der seinen Beruf in Krawatte und Arbeitskittel ausübt: Strassenproteste gegen den Vietnamkrieg, lange Haare, Musik von drogensüchtigen Verrückten, vermutlich gar freizügige Sexualität! Der Mann versteht die Welt nicht mehr. Seine behagliche Zufriedenheit spielt sich zwischen Werkstatt und Wohnung ab, in der er mit seiner Mutter bis zu deren Tod lebt. Danach alleine.

Die Firmentreue nützt dem Pedanten nichts

Stettlers viele Jahre bewunderte Schaufenster sehen aus wie kindlich harmlose Kitschlandschaften, für die er Fotos aus Zeitschriften als Vorbilder nimmt. Seine infantile, grösste Freude ist das Lob seiner Mutter. Stettler erscheint als Pedant und verklemmter Duckmäuser, dem dank Fleiss, Pflichtgefühl und Firmentreue der Aufstieg zum Chefdekorateur gelang. Nützt ihm aber alles nichts. Denn seine Firma stellt ihn kalt, weil er von modernen Tendenzen nichts wissen will. Ein junger Trendsetter übernimmt die Schaufenstergestaltung. 1968 findet sogar in Bern ein Zeitenwechsel statt.

Erzählstränge brillant zusammengefügt

Alain Claude Sulzer gelingt ein einfühlsames Porträt, das mit satirischen Zügen den Mentalitätswandel der Zeit wie unter der Lupe einfängt. Der Spiesserzorn ist in diesem Roman vor allem eines: frustrierte Reaktion eines Verlierers, der den Wandel verschlafen hat und sich nun in einen tragikomischen Rachefeldzug verbeisst, der in die Groteske kippt. In ein Ende, in dem Sulzer brillant die Erzählstränge zusammenführt, in einem Schaufensterbild, schockierend und rührend zugleich.

Hier erzählt ein virtuoser Menschenkenner

Tönt nach rabiater Satire. Ist es nicht. Denn hier schreibt der virtuose Menschenversteher Alain Claude Sulzer. Das bedeutet vor allem, dass dem Leser eine angenehme Grundsympathie mit dem Verlierer Stettler mitgegeben wird. Gleichzeitig ironisiert Sulzer ständig. Stettler rennt zwar mit dem Kopf gegen die Wand, wagt sich für die Recherche des Zeitgeistes in Partykeller, sogar in eine Schwulenbar, ekelt sich dabei und spürt doch eine zaghafte Emanzipation. Er ahnt, dass die behütende Mutter ihn am Leben gehindert hatte, und beginnt einen Briefkontakt mit der deutschen Radiopianistin Lotte, die er nur vom Radio her kennt und die er in seiner romantischen Projektion idealisiert.

Lotte aber, genauso einsam wie Stettler, hat eine traumatische Vergangenheit mit Exil und sexuellem Missbrauch durch ihren Klavierlehrer. Sie lässt sich verzaubern von Stettlers Briefen voller scheuer Verehrung. Doch als es zu einem Treffen kommen könnte, stellt ihnen die Weltgeschichte ein Bein: Nach dem Einmarsch der Russen in Prag war der linientreue Schostakowitsch nicht mehr konzertfähig in Bern, Lottes Auftritt wird abgesagt. Eine zweite Begegnung wird es noch geben.

Sulzer, der Thomas Mann der Schweizer Gegenwartsliteratur

Für unerhörte Ereignisse hatte Sulzer auch schon in seinen früheren Romanen eine literarische Vorliebe. Auf die steuert er hier kunstvoll, bewundernswert feinnervig, spannend und geduldig zu. Dank seinem allwissenden Erzähler fühlt man sich als Leser immer aufgehoben – ein Grund für den grossen Erfolg des Basler Autors. Stilistisch wirkt das zwar immer ein wenig altmodisch. Man könnte Sulzer denn auch als Thomas Mann der Schweizer Gegenwartsliteratur bezeichnen, was man auch wegen beider Talent zur Ironie als Lob auffassen muss.

In jedem Roman findet Sulzer ein neues Kompositionsprinzip. Mal wie in «Aus den Fugen» im polyfonen Reigen, hier in «Unhaltbare Zustände» in der Parallelführung, die wie in einer Novelle zwingend auf ebendieses unerhörte Ereignis zusteuert. Da stecken Tragödie und Komödie, psychologisches Feingefühl und eine kontrapunktische Erzählweise drin.

Auch 68 wird durch die Warenwelt vereinnahmt

Subtil ironisch ist Sulzers Perspektive auch, weil er nicht aus einer idealistischen Subkultur heraus die 68er beleuchtet, sondern die Warenwelt ins Zentrum rückt. Es geht beim Schaufenster, dem «Türoffner zum Tempel», immer um Verführung zum Konsum. Der Zeitgeist wird dafür sofort vereinnahmt. Die Discounter drohen, der neue Chef will neuen Wind. Statt Stettlers statische, kitschig-kindliche Schaufenster mit Sonnenschirmen, Herbstlaub und Engelchen sollen nun bewegte Installationen, kunstvolle Anspielungen und Schauspieler im Schaufenster für Aufsehen sorgen. Der neue, junge Dekorateur feiert damit denn auch prompt Riesenerfolge. Sogar das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» berichtet euphorisch. Womit ein weiterer ironischer Grundzug dieses brillanten, streng komponierten, äusserst elegant erzählten Romans benannt wäre: die kapitalistische Vereinnahmung des 68er-Lebensstils.

Alain Claude Sulzer Unhaltbare Zustände, Roman, Galiani, 270 S.

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