Neue Musik, komponiert vor 500 Jahren

An den Festtagen Alte Musik in Basel gibt das Huelgas Ensemble mit Paul van Nevel ein erstaunliches Konzert. Die Kompositionen aus dem späten 16. Jahrhundert sind voller wunderschöner Melodien und raffinierter Vertracktheiten.

Charles Uzor
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Orlando di Lasso (Bild: pd)

Orlando di Lasso (Bild: pd)

Meister der kleinen Dinge und feinen Abstufungen sind die Komponisten des ausgehenden 16. Jahrhunderts allesamt: Orlando di Lasso, Jacob Clement, Jacobus Gallus und Claude Le Jeune. Als deren grosser Interpret erweist sich der Dirigent Paul van Nevel, unter dessen Leitung das Huelgas Ensemble auch die winzigsten Übergänge musikalisch vergrössert zum Leuchten bringt.

Die Sänger folgen

Beim vorletzten Termin der Basler Festtage Alte Musik folgen ihm die Sänger bei jedem Wippen des kleinen Fingers, beim sparsamsten Schulterzucken. Unscheinbare Schlusskadenzen werden ausgesungen, abgehoben oder dynamisch differenziert, ein musikalisches Abenteuer!

Lust am Komplizierten

Das Konzert unter dem Motto «Musica reservata» stellt Werke aus der Spätphase der niederländischen Vokalpolyphonie vor. Die franco-flämischen Komponisten, die in der Spätrenaissance bei italienischen Höfen Anstellung fanden, demonstrieren eine Lust an komplizierten Strukturen, die in ihrer artistischen Komplexität die letzten Dinge ausdrücken wollen: vertrackte Kanons, symmetrische Formen, Musik, die gleichzeitig auch von hinten nach vorne gesungen wird.

So teilt Orlando di Lasso seine «Busspsalmen» in kurze Texteinheiten, die entsprechend den gregorianischen Kirchentönen in einer aufsteigenden Tonfolge geordnet werden. Die Einheitlichkeit der wunderschönen Melodien, die trotz ihrer Komplexität das Gemüt direkt ansprechen, vermittelt einen ruhigen Zeitfluss, bei dessen Verlauf jede Note mit der anderen verbunden wird.

Fein verwobene Texturen

Gerade in solchen fein verwobenen Texturen nutzt Paul van Nevel die Möglichkeiten feinerer Ausdrucksbereiche. Äusserst differenziert gestaltet er Dynamik, Tempo und Melodieführung, Musik, die das Gleiche immer wieder anders ausdrückt.

Erstaunliche Flexibilität

Mit den Kombinationen der drei bis acht Stimmen bringt das Huelgas Ensemble den Sinngehalt der Psalmen in kristallklaren Farben, manchmal in zarter Fragilität zur Wirkung.

Einen anderen Stil zeigen Lassos «Sibylla Delphica» und die Nymphen-Motette «Anna mihi dilecta», die sowohl mit ihrem erotisierenden Text als auch durch scharfe chromatische Harmonien an Gesualdo erinnert. Die stilistische Flexibilität dieses Komponisten, der als Wunderkind dreimal «heimlich aus der Schule gestohlen wurde», dann bei grossen Fürstenhäusern in Mailand, Neapel, Florenz und München in den Dienst trat, ist erstaunlich.

Im Reigen wandern

Jacobus Gallus' «Mirabile mysterium» entzieht dem Hörer durch eine schwindelerregende Chromatik den harmonischen Boden. Musik fürs Auge zeigt seine Motette «Homo quidam fecit»: In zwei Chören zu 4 und zu 6 Stimmen wandert der Klang von Sänger zu Sänger, dann wandern die Musiker selber mobileartig im Reigen– neue Musik, komponiert vor 500 Jahren!

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