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Neue Blindenbibliothek im Thurgau: Sie lesen einfach weiter

Die Blindenbibliothek im Thurgauischen Landschlacht wurde geschlossen, die Schauspielerinnen und Schauspieler machen weiter. Sie haben einen Verein gegründet, Gelder aufgetrieben, und produzieren Hörbücher für Blinde jetzt in Eigenregie.
Julia Nehmiz
Sie lesen Hörbücher für Blinde ein: Raphael Burri, Heinke Hartmann, Michela Gösken, Marianne Weber und Bodo Krumwiede (von links) vor der Sprecherkabine. (Bild: Urs Bucher (Kreuzlingen, 10.April 2019))

Sie lesen Hörbücher für Blinde ein: Raphael Burri, Heinke Hartmann, Michela Gösken, Marianne Weber und Bodo Krumwiede (von links) vor der Sprecherkabine. (Bild: Urs Bucher (Kreuzlingen, 10.April 2019))

Der hüfthohe Kartonstapel in der Ecke zeigt: hier wurden erst vor kurzem viele Geräte ausgepackt. Auf dem Tisch am Fenster stehen Drucker, Computer und Lautsprecher, ein CD-Brenner neben Papierstapeln. Auf einem niedrigen Regal Wasserkocher und Kaffeemaschine neben lauter verschiedenen Tassen und Tellern. Im Bücherregal Duden, Fremdwortlexikon, Lexika, Kabel. Noch wirkt die Büroatmosphäre improvisiert.

Das Herzstück jedoch: Der Raum im Raum, die grosse, 1,4 Tonnen schwere, graue Sprecherkabine. Schallgedämmt, auf dem mit Stoff bezogenen Tisch stehen Mikrofon und Aufnahmegerät. Hier, im zweiten Stock des Begegnungszentrums Das Trösch in Kreuzlingen, sprechen die sieben Schauspielerinnen und Schauspieler Hörbücher für Blinde ein. Noch steht «tamilischer Kulturverein» an der Tür. Und noch harzt es, die Aufnahmetechnik hat ihre Tücken, doch die sieben sind guter Dinge.

Dass sie es überhaupt so weit gebracht haben, ist erstaunlich. Vor einem Jahr gab die Caritas­aktion der Blinden bekannt, dass sie die Blindenbibliothek im Thurgauischen Landschlacht Ende 2018 schliesst. Die Sprecherinnen und Sprecher, die dort seit vielen Jahren Hörbücher für Blinde einlesen, waren entsetzt.

Nicht nur würden sie ihre Teilzeitjobs verlieren. Sie haben in Landschlacht pro Jahr 100 bis 120 Hörbücher für Blinde eingelesen. Literatur, die kein kommerzieller Hörbuchverlag anbietet, darunter viele religiöse oder philosophische Werke. Das würde wegfallen, die anderen Blindenbibliotheken in der Schweiz fangen das nicht auf. Für die sieben ein Grund, aktiv zu werden.

70 Hörbücher in einem Jahr einlesen

Jetzt, ein Jahr später, sitzen drei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler um den Tisch in ihrem Studio in Kreuzlingen. Die wöchentliche Sitzung steht an. Bodo Krumwiede, Michela Gösken und Marianne Weber sind aus Zürich angereist, Raphael Burri aus Schaffhausen, Heinke Hartmann aus Konstanz. Die beiden St. Galler Schauspieler Matthias Albold und Matthias Flückiger haben sich entschuldigt, Endproben und Vorstellung.

Es ist viel Arbeit, viel zu klären, zu organisieren, bis die Produktion läuft, bis der neugegründete, gemeinnützige Verein funktioniert. HSL haben sie ihn genannt, Hörmedienproduktion für Blinde, Seh- und Lesebehinderte. Die Gelder für das erste Jahr haben sie zusammengekratzt: 120'000 Franken, von Stiftungen, Kirchen, Gönnern.

Die HSL-Macherinnen und -Macher schätzen, dass sie dieses Jahr 60 bis 70 Bücher einlesen können. Damit es keine Doppelspurigkeit gibt, haben sie sich der Plattform Medibus angeschlossen. Sie koordiniert, welche Blindenbibliothek im deutschsprachigen Raum (Münster, Hamburg, Leipzig, Berlin, Bonn, München, Wien, Zürich und neu Kreuzlingen) welches Buch einliest.

In der Blindenbibliothek Landschlacht wurden bis Ende 2018 jährlich 100 bis 120 Hörbücher für Blinde eingelesen: Der St.Galler Schauspieler Matthias Albold in der Sprecherkabine. (Bild: Ralph Ribi, Landschlacht, 6.April 2018)

In der Blindenbibliothek Landschlacht wurden bis Ende 2018 jährlich 100 bis 120 Hörbücher für Blinde eingelesen: Der St.Galler Schauspieler Matthias Albold in der Sprecherkabine. (Bild: Ralph Ribi, Landschlacht, 6.April 2018)

«Wenn es gut kommt, können wir eine zweite Sprecher­kabine einrichten», sagt Michela Gösken. 15000 Franken haben sie bislang für die Infrastruktur ausgegeben. Dazu kommt die Miete für ihren Raum in Kreuzlingen. Und ihr Stundenlohn, wenn sie die Bücher lesen.

Vorlesen ist ein Genuss

Die viele Arbeit fürs Organisieren, die ist unbezahlt. Die wöchentlichen Sitzungen, die Anreisen, die unzähligen Mails. Sie ­haben ein Konzept erarbeitet, Businessplan und Budget erstellt, eine Homepage gestaltet, Gelder akquiriert, einen Raum gefunden, das Studio eingerichtet. Jetzt starten sie mit dem Lesen.

Warum tun sie sich das an? So viel unbezahlte Arbeit.Sie sind alle ausgebildete Sprecherinnen und Sprecher, arbeiten am Theater oder in der Unterhaltung als Schauspieler, Regisseurin, Autorin, finanziell nicht gerade üppig gebettet. «Wir sind sieben sehr anhängliche Menschen», sagt Michela Gösken. «Ich lese seit über 30 Jahren und mache es sehr gerne.» Heinke Hartmann nickt:

«Vorlesen ist ein grosser Genuss, auch wenn in der Sprecherkabine niemand zuhört. Es ist eine sinnvolle Tätigkeit, die gut ankommt.»

Sich ehrenamtlich zu engagieren sei vielleicht auch eine Alterserscheinung, sagt Gösken. Der Sozialabbau ringsherum gefalle ihr nicht, dem wolle sie etwas entgegensetzen. Dass sie nach einer ersten Ankündigung, die Hörbuchproduktion weiterführen zu wollen, sofort Zuspruch und Spenden erhielten, habe sie ermutigt, dieses Riesenprojekt in Angriff zu nehmen.

Aufgeben sei nie eine Option gewesen, sagt Hartmann. Vergangenen August haben sie den Verein gegründet, im September die Spendenaktion gestartet, Anfang April haben sie in ihrem Studio das Aufnahmesystem auf ihre Stimmen eingepegelt.

Zwischendurch gehen auch mal die Emotionen hoch

Jetzt planen sie ihr Eröffnungsfest. Wer steht am Empfang im Erdgeschoss, wer führt durchs Studio, soll man ein Quiz anbieten, wie viele Kuchen braucht es? Zwischendurch gehen kurz die Emotionen hoch. Doch dafür, dass die sieben sich früher, beim Lesen in Landschlacht, nur sporadisch über den Weg liefen und sich erst bei der Vereinsgründung kennen lernten, ist der Umgang professionell, die Atmosphäre freundschaftlich. Nur einmal haben sie sich privat getroffen: Sie waren italienisch essen. Nicht auf Vereinskosten, jeder hat selber gezahlt, sagt Michela Gösken.

Für die Zukunft hoffen sie, dass sie mehr lesen und weniger besprechen. Eine Stelle zu schaffen für die Administration wäre ein Traum. Ob es klappt? Die sieben hoffen es. Sie machen sich weiter auf die Suche nach Spendern und Gönnerinnen. Das Geschäftsjahr 2020 wird geplant. Doch erst mal kommt die Eröffnungsfeier.

HSL Hörmedienproduktion für Blinde, Seh- und Lesebehinderte, Eröffnungsfest am 5.5.2019, 11 bis 16 Uhr, im Begegnungszentrum Das Trösch, Kreuzlingen

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