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«Weniger Afrika, mehr Amerika und Europa»: Das Theater Spektakel richtet sich neu aus

Auf der Zürcher Landiwiese ist unter neuer Intendanz viel Politisches zu sehen, die Qualität der Werke ist gestiegen. Aber das Festival droht auch austauschbarer zu werden.
Valeria Heintges
Szene aus der Tanzperformance «10'000 gestes» des französischen Tänzers und Choreografen Boris Charmatz. (Bild: Tristram Kenton)

Szene aus der Tanzperformance «10'000 gestes» des französischen Tänzers und Choreografen Boris Charmatz. (Bild: Tristram Kenton)

Matthias von Hartz, der neue Leiter des Theater Spektakels, hat in zahlreichen Interviews kundgetan, dass er ein politischer Kurator sei. Und dass er auch die Spektakel-Gäste, die zum Essen, Trinken und Den-Sommer-Geniessen auf die Landiwiese kommen, künstlerisch anregen wolle, sich Gedanken über den Zustand der Welt zu machen. Täglich wird deshalb mitten auf der Wiese unterm Baum am «Stammtisch» über Heimat, Flucht oder grenzenlose Welten diskutiert.

Und wer vom See zur Bar flaniert, stolpert über ein Hochbeet auf Stelzen, begrünt mit «Pflanzen mit Migrationshintergrund». Tee etwa, gekommen aus Südostasien, wachsend auch im Tessin. Amaranth aus Mittelamerika, längst mit weltweiter Karriere als «Superfood». Auch die Installation «TravelHub. Eingewandert» schlägt den Grundton an, denn das Thema Migration ist vorherrschend, wird immer wieder und immer von neuen Seiten angegangen.

Die Angst vor der zerstörten Heimat

Wer sind diese Flüchtlinge, woher kommen sie? Aus dem Punjab, sagt Abhishek Thapar, einer Region, die zwischen Indien und Pakistan aufgerieben wird. In «My Home at the Intersection» zeichnet er seine Geschichte in die Weizenkörner. Auf ihnen ­liegen auch die Sitzkissen der ­Zuschauer, die ganz nah heranrücken an die kleine, intime Erzählung, in der Thapar bittersüss vom Wunsch der Flüchtlinge ­berichtet, ihre alte Heimat wiederzusehen, und von ihrer Angst, deren Zerstörung nicht ertragen zu können.

Aus Aleppo kommen die Flüchtlinge, sagt Mohammed Al-Attar. In «Aleppo. A Portrait of Absence» sitzen an zehn Tischen je ein Schauspieler einem Zuschauer gegenüber. Jeder Akteur erzählt von einem Ort, der einem Flüchtling wichtig war. Nur so könne die Stadt vor der Zerstörung im Kopf gerettet werden. Ein Spiel gegen das Vergessen. Salids Erinnerung dreht sich um eine Wohnung im Stadtzentrum, in der sich die Intellektuellen der Universität treffen, ohne Angst vor Spitzelei oder Verfolgung. ­Salid geht auch dann noch hin, als der Weg von Scharfschützen gesäumt ist. Er weiss nicht, ob er ein Wiedersehen ertragen würde. Jetzt lebt er in Ildib. Und gibt den Nachrichten ein Gesicht: Wie überlebt und lebt Salid in dieser letzten Hochburg der Rebellen?

Eine unerträgliche Liebes-Hymne

Egal, wo die Flüchtlinge herkommen, es sind zu viele – sagt Marta Górnickas Chor. Die polnische Regisseurin selbst steht im ­Zuschauerraum und dirigiert die «Hymn do Miłości», die Hymne an die Liebe. 25 Menschen, die uns Ungeheuerliches zusprechen, zuschreien, zuheulen, zubrüllen, zuflüstern. «Noch ist Polen nicht gestorben», zitieren sie die Nationalhymne, da möchte man ihnen noch zustimmen. «Umsonst gibt es nichts», rufen sie, «wir nehmen uns alles.» Da beginnt das Bauchgrummeln. Und wächst sich bei «Ich radiere die nutzlosen Völker aus!» zum veritablen Bauchstechen aus. Fast unmerklich der Übergang vom Verständlichen übers ­Wütende zum völlig falschen Schluss. Dabei sehen sie so nett aus, die Menschen auf der Bühne, die sich in immer neuen Formationen aufbauen, mal solo, mal in Gruppen, mal alle wie aus einer Kehle sprechend. Man versteht die Wut über das Zu-kurz­gekommen-Sein, den Wunsch, ein patriotisches Lied zu singen, oder den, als Mutter den Sohn zu verteidigen.

Aber das «Ich glaube an meinen eingeborenen Sohn» der Mütter wird zum Glaubensbekenntnis für das eine, reine Volk, das gegen Eindringlinge verteidigt werden muss. Sie ist so unerträglich, diese Liebes-Hymne. Und folgt doch nur der aktuellen polnischen Politik, wenn sie mit «Ich habe genug von diesen infamen jüdisch-deutschen Lügen!» den Historikern die Forschung über den Holocaust verbietet.

Viele altbekannte Theater-Gruppen

Das Theater Spektakel ging auch unter von Hartz’ Vorgänger Sandro Lunin, der jetzt die Kaserne Basel leitet, nah heran zu denen, die etwas zu erzählen haben. Lunin holte als Afrika-Kenner viele selbstentdeckte Stücke an den Zürisee. Matthias von Hartz will «weniger Afrika, mehr Amerika und Europa». Und greift dabei – wenigstens für seine erste Theater-Spektakel-Ausgabe, die unter zeitlichem Druck entstand – auf Gruppen zurück, die im Festival-Zirkus altbekannt sind.

Aber das Programm ist austauschbarer geworden, bietet keine Premiere, lediglich Koproduktionen. Und auch nur wenige Schweizer Werke, etwa «Eins Zwei Drei» von Martin Zimmermann, der als Teil von «Zimmermann & De Perrot» schon mehrfach auf der Landi­wiese zu Gast war.

Abrechnung mit dem Anspruch der Künstler

Solche Einwände kann man unter «Fachdiskussion» abbuchen; denn was schert es den Gast, dass Lola Arias’ «Campo Minado» 2016 Premiere feierte und dieses Jahr auch schon beim «Auawir­leben»-Festival in Bern zu sehen war? Vorrangig ist doch, dass Arias ein berührendes Dokumentar­theater zeigt über den Falkland-Krieg, in dem britische und argentinische Veteranen von ihren Kämpfen berichten, den inneren und den äusseren.

Das Nature Theater of Oklahoma & Enknagroup.

Das Nature Theater of Oklahoma & Enknagroup.

Den Zuschauern ist auch egal, dass das Nature Theater of Oklahoma mit seinem akro­batisch-kraftvoll-intelligenten Werk «Pursuit of Happiness» schon letztes Jahr in Graz Premiere feierte. Zeigen doch die sechs Tänzer der EnKnap-Group eine brillant-bitterböse Abrechnung mit dem Anspruch der Künstler, mit ihren Arbeiten die Welt verändern zu können.

So gesehen stellt auch Festivalleiter Matthias von Hartz damit selbstironisch seinen eigenen Anspruch des politischen Theaters in Frage – und das macht ihn wunderbar sympathisch.

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