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NEUAUSGABE: Diese Suche nach Geborgenheit

Der Salensteiner Paul Ilg wollte geliebt werden und sozial aufsteigen. Und schrieb sich sein Leben vom Leib. Nach über hundert Jahren liegt die fulminante Romanserie wieder in der Urfassung vor, ein ausführliches Nachwort ordnet Werk und Autor ein.
Dieter Langhart
Paul Ilg und Sohn Kaspar 1926 in Uttwil. (Bild: Aus dem Buch «Das Menschlein Matthias»)

Paul Ilg und Sohn Kaspar 1926 in Uttwil. (Bild: Aus dem Buch «Das Menschlein Matthias»)

Dieter Langhart

Er war «ein Knirps, kaum grösser als sein Tragkorb». Und zog als Hausierer von Hof zu Hof. Er hatte es nicht gut im Appenzellerland, der kleine Matthias. Die Mutter war weit weg in Treustadt (Rorschach), arbeitete in der Fabrik, hatte ihn bei der Basgotte im Gasthaus Gupf abgegeben.

Matthias bricht aus, flieht zur Mutter, lernt den Vater kennen und vertraut ihm, wünscht sich, dass die Eltern sich versöhnen. Matthias sieht den Vater vom See aus, kippt aus dem Boot, der Vater eilt herbei – und ertrinkt. Diesen Tod des Vaters hat Paul Ilg erfunden, den Matthias nicht. Denn Ilg war dieses «Menschlein Matthias», wie die 1913 erschienene Erzählung heisst.

Unbekümmerter Umgang mit den Fakten

Ilg, 1875 in Salenstein geboren, ging als Autor frei mit biografischen und realen Begebenheiten um. Das weist Charles Linsmayer minutiös in seinem Nachwort zur Neuausgabe von Ilgs Romanen nach. Der Germanist betreut die Reihe «Reprinted by Huber», die vergessene Preziosen der Schweizer Literatur wieder zugänglich macht. Mit Paul Ilgs Pentalogie ist ihm ein Glanzstück gelungen. Linsmayer hat die vier Romane in die chronologisch korrekte Reihenfolge gebracht und lässt das Buch mit dem «Menschlein Matthias» beginnen, mit Paul Ilgs «Leidenszeit» also, als die der Autor sie später bezeichnete. Denn lebenslang war er auf der Suche nach Geborgenheit.

Linsmayer greift auf die Erstausgabe zurück, die Tetralogie war 1943 erneut herausgekommen. Das war drei Jahre nach den letzten Aussenaufnahmen für Edmund Heubergers Verfilmung des «Menschleins Matthias». Paul Ilg war bei den Dreharbeiten im Hafen von Rorschach und bedauerte in einer Notiz, nicht am Drehbuch beteiligt gewesen und um die Hälfte des vereinbarten Honorars geprellt worden zu sein – dies belegt auch, dass Paul Ilg und Matthias Böhi identisch sind.

Und identisch bleiben, wenngleich Ilg der Hauptfigur stets neue Namen gab. Der Schriftsteller hat sein Leben mehr oder minder rückwärts erzählt: Die Schulzeit um 1887/88 in St. Gallen kommt in «Die Brüder Moor» (1912) zur Sprache, die Erlebnisse im Zürich der 1890er-Jahre verarbeitet er in «Lebensdrang» (1906), die Erfahrungen als Journalist in Berlin von 1902 bis 1904 in «Der Landstörtzer» (1909).

Das Gymnasium Treustadt führt Schillers «Räuber» auf. Christian Knecht, unehelicher Sohn einer Arbeiterin, und Ständeratssohn Theo Zellweger spielen die Hauptrollen. Ilg schliesst in «Die Brüder Moor» an die Zeit zwischen der Rückkehr zur Mutter und dem Antritt einer Schreiberstelle in Zürich an, verfremdet die biografischen Fakten aber stärker als im «Matthias».

Er will «in die Höhe ­kommen» und kann nicht

In klassenkämpferischer Allüre thematisiert Paul Ilg das soziale Ungleichgewicht zwischen Christian, Ilgs Alter Ego, und dem reichen Theo. Der Ehrgeiz, das «In-die-Höhe-Kommen» wird Paul Ilg sein Leben lang begleiten und bestimmen.

In «Lebensdrang» erhält der 23-jährige Martin Link eine Stelle beim gewissenlosen Immobilienspekulanten Maag in Zürich. Er verliebt sich in Maags Frau, dann in die Tochter Emma. Eine dramatische Geschichte mit Erpressung, Zurückweisung, Mord, vor allem aber eine Geschichte von der Sehnsucht nach Liebe, die sich in «Der Landstörtzer» fortsetzt.

Im vierten Roman der Tetralogie lässt sich Ilg von einem Freund in der Ich-Form die Lebensgeschichte des Jost Vonwyler erzählen, hinter dem er unschwer zu erkennen ist. Trotz des «abenteuerlichen Plots» (Linsmayer) wurde der Roman begeistert aufgenommen – bei aufgeschlossenen Kritikern. Denn vor dem Ersten Weltkrieg versprach nur Heimatkunst Absatz. Ilg kehrte 1912 mit «Die Brüder Moor» zu einer einfachen Erzählform zurück, die er im «Matthias» 1913 «zu einem mit keinem späteren Werk mehr erreichten Höhepunkt geführt» hat, wie Linsmayer ausführt. Er schliesst: «Paul Ilg ist in seinem Leben bis auf wenige erfolgreiche Momente insgesamt ebenso gescheitert wie seine Figuren».

Das nächste Reprinted by Huber übrigens ist ein Helen-Meier-Lesebuch. Es wird «auch erschütternde unveröffentlichte Texte enthalten», sagt Linsmayer.

Mi, 22.3., 19.30 Uhr, Kantons­bibliothek, Frauenfeld: «Das Menschlein Matthias», Bühnenfassung von Markus Keller Paul Ilg: Das Menschlein Matthias. Reprinted by Huber, Band 33. Huber 2017, 800 S., Fr. 48.–

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