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Dave Chappelle und «die Freiheit, krass zu sein»: Eine Kontroverse um Komödie und Kreativität

Der afroamerikanische Komiker Dave Chappelle bürstet gerne gegen den Strich. Die LGBTQ Community findet seine witzig gemeinten Betrachtungen über Transsexuelle und Schwule im neusten Programm «The Closer» aber nicht lustig. Bisher stellt sich Netflix schützend vor den Star.

Renzo Ruf, Washington
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Dave Chappelle bringt das Publikum in Amerika mit seinen scharfzüngigen Äusserungen seit drei Jahrzehnten zum Lachen.

Dave Chappelle bringt das Publikum in Amerika mit seinen scharfzüngigen Äusserungen seit drei Jahrzehnten zum Lachen.

Mathieu Bitton / Netflix

Die amerikanische Filmindustrie sieht sich oft mit dem Vorwurf konfrontiert, sie sei der verlängerte Arm der politischen Linken. Konservative Inhalte hätten es in Hollywood schwer, Political Correctness würde hochgehalten. An Netflix prallte diese Kritik bisher ab, obwohl der Mediendienst doch zum Beispiel exklusiv die Produktionen von demokratischen Aushängeschildern wie Barack und Michelle Obama zeigt. Doch nun gerät auch Netflix unter Beschuss.

Im Zentrum steht eine Show des Comedians Dave Chapelle. Seit drei Jahrzehnten bringt der Afroamerikaner mit scharfzüngigen Beobachtungen über die amerikanische Gesellschaft sein Publikum zum Lachen. Dabei kennt der 48-Jährige keine Tabus; seine Witze drehen sich bevorzugt um das hochkomplexe Verhältnis zwischen Weissen und Schwarzen sowie um Sexualität.

Ein klassischer Sketch von Dave Chappelle aus dem Jahr 2003, in dem er sich in derber Sprache über weisse Rassisten lustig macht.

Damit sorgt er zwar stets für Aufregung. Aber Chappelle ist eben auch beliebt und zwar nicht nur unter Afroamerikanern. Netflix ist diese Popularität angeblich mehr als 20 Millionen Dollar pro Sendung wert. So hoch soll zuletzt das Honorar ausgefallen sein, das der Internetdienst dem Komödianten jeweils für ein Special bezahlte.

Die neuste Sendung – ein Programm mit dem Namen «The Closer», aufgenommen im August in Detroit vor einem Live-Publikum – ging Anfang Oktober online. Und einmal mehr nimmt sich Chappelle in den gut 70 Minuten des Specials «die Freiheit, krass zu sein», ohne dabei als Arsch rüberzukommen, wie es ein TV-Kritiker der Zeitschrift «New York» formulierte. Also witzelt er über ehemalige Vizepräsidenten, ermordete Nobelpreisträger, Frauen, immer wieder Frauen, Schwule und eben auch auch über transsexuelle Menschen.

Und dabei geht Chappelle, wie schon so oft, weit, vielleicht gar zu weit, zumindest in den Augen der LGTBQ-Community. Aktivistinnen und Aktivisten kritisierten den Komödianten in scharfen Worten, weil er mit seinen Bemerkungen Menschen verletzte und beleidige, die bereits am Rande der Gesellschaft stünden. In dieser Kritik schwang mit, dass Chappelle es eigentlich besser wissen müsste als Mitglied einer Bevölkerungsminderheit. Der Komödiant kennt diesen Vorwurf. In «The Closer» sagt er dazu: «Wir Schwarzen, wir schauen auf die Schwulen-Bewegung und sagen: ‹Verflucht! Schaut euch an, wie gut es dieser Bewegung geht!›» Dass es in Amerika auch dunkelhäutige Homosexuelle gibt, scheint ihm egal zu sein.

Netflix-Chef: Habe «Mist gebaut»

Die Kontroverse um das Special eskalierte in Windeseile, auch weil sich Millionen von Menschen «The Closer» anschauten. Sarandos verteidigte einer seiner grössten Stars anfänglich – in dem er auf die kreative Freiheit verwies, die Künstlerinnen und Künstler, die gemeinsame Sachen mit Netflix machen, häufig geniessen. Auch stritt er ab, dass Chappelles Witze in der «echten Welt» negative Auswirkungen auf Transsexuelle haben könnten.

Doch damit heizte die Netflix-Chefetage die Kontroverse nur weiter an. Interne Kritikerinnen und Kritiker meldeten sich öffentlich zu Wort, obwohl das Unternehmen eigentlich stolz darauf ist, Kontroversen hinter verschlossenen Türen auszufechten. An der Westküste kam es gar zu Arbeitsniederlegungen von Netflix-Angestellten.

Netflix' Co-CEO, Ted Sarandos, wurde von dieser starken Gegenreaktion auf dem falschen Fuss erwischt. Noch vor der Protesten der Belegschaft hatte er dem «Wall Street Journal» in einem Interview anvertraut, dass er «Mist gebaut» habe. Seine Reaktion auf die Kontroverse sei falsch gewesen. Natürlich hätten Hollywood-Fantasien Auswirkungen auf den Alltag, sagte Sarandos. Und er räumte ein, dass es zwischen kreativer Freiheit, gerade von Komödianten wie Dave Chappelle, und der Einbindung gesellschaftlicher Minderheiten, gewisse Reibungspunkte gebe.

Chappelle wiederum gibt sich ungerührt. Er werde sich nicht verbiegen lassen, sagte er voriges Wochenende in Nashville. Natürlich sei er aber bereit, sich mit der LGTBQ-Community zu treffen – sofern diese seine Bedingung erfüllten. Eine dieser Vorgaben: Seine Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner müssten sich «The Closer» anschauen, «von Anfang bis Ende».

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