Nervenkitzel und die Unschuld des Spektakels

Fünf Raubtier-Dompteusen porträtiert die Zürcher Regisseurin Anka Schmid («Mit dem Bauch durch die Wand») in ihrem neuen Dokumentarfilm «Wild Women, Gentle Beasts». Sie zeigt eine Welt voller zärtlicher und atemberaubender Momente, die es so bald nicht mehr geben wird.

Geri Krebs
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Carmen küsst Tiger: Szene aus «Wild Women, Gentle Beasts». (Bild: pd/Xenix)

Carmen küsst Tiger: Szene aus «Wild Women, Gentle Beasts». (Bild: pd/Xenix)

Mutige und selbstbewusste Frauen, die sich nicht um gesellschaftliche Konventionen scheren, haben es der Zürcher Regisseurin Anka Schmid als Hauptfiguren für ihre Filme immer wieder angetan. Das war so in ihrem letzten Kinodokumentarfilm «Mit dem Bauch durch die Wand» (2011) – in dem sie drei Mütter im Teenageralter auf ihrem schwierigen Weg ins Erwachsenenalter während einiger Jahre begleitete –, und das zeigte sich ebenso deutlich in ihrem Porträt über die Künstlerin Isa Hesse-Rabinovich (2009), die sich als eine der ersten Frauen in der männerdominierten Schweizer Filmszene bewegt hatte.

Wie vom starken Geschlecht

Frauen, die sich in einer Männerdomäne bewegen, die einem Bild vom schwachen Geschlecht diametral entgegenstehen und dazu auch noch in einer Welt arbeiten, die gesellschaftlichem Mainstream widerspricht: In «Wild Women, Gentle Beasts» scheint das noch verstärkt, was Schmids frühere Filme auszeichnete. Aus Deutschland, Frankreich, Russland und Ägypten stammen die Frauen, und mit Löwen, Tigern und Bären arbeiten sie im Training und in der Zirkusmanege. Mit Ausnahme der Deutschen Carmen Zander stammen alle aus Zirkusdynastien, sie sind gewissermassen von der Wiege auf mit Raubtieren vertraut.

Keine Kuscheltiere

Und so entsteht in dem Film, der schon mit seinem Plakat ganz an die Faszination Zirkus erinnert, in nicht wenigen der spektakulären Szenen der Eindruck, es handle sich um kuschelige Spielgefährten, mit denen die Dompteusen hier arbeiten. Doch natürlich ist den Frauen stets klar, dass jedes falsche Signal oder eine einzige falsche Bewegung den Tod bedeuten kann. Aber sie vertrauen darauf, dass ihre Schützlinge sie verstehen – was so weit geht, das eine der Dompteusen, die Deutsche Carmen Zander, gar davon überzeugt ist, die Tigersprache zu beherrschen, sich mit Zisch-, Schnalz- und Pfeiflauten mit ihnen verständigen zu können.

Bewusst lässt Anka Schmid die Frage nach der Motivation dieses Hochrisikospiels, dem sich die Artistinnen täglich aussetzen, weitgehend ausser acht; sie verleugnet nicht, dass es die Faszination für die Stärke und Schönheit der schon im Filmtitel angetönten Beziehung von «La belle et la bête» ist, was sie interessiert – und weniger die psychologischen Aspekte des Nervenkitzels. Und die heute immer stärker gewichteten Argumente von Tierschützern und Tierrechtsaktivisten, die dazu führen, dass in immer mehr Ländern Raubtiernummern im Zirkus verboten sind? Sie wären Thema für einen anderen Film, das macht Anka Schmid im Gespräch klar. Sie möchte ihren Film viel mehr als ein Abbild einer magischen Welt sehen, die am Verschwinden ist und die gerade im Kino bald nur noch durch computergenerierte Bestien erlaubt sein wird.

Bis nach Russland gereist

Um die Bären-Dompteusen zu finden, musste sie bereits bis nach Russland reisen – Bären- Nummern sind schon seit Jahren in ganz Europa verboten. Und was die Arbeit mit Löwen, Tigern und anderen Raubkatzen betrifft, so sind in zahlreichen Ländern der EU Gesetze in Vorbereitung, die auch das untersagen werden, in Österreich, Belgien, Griechenland und in den skandinavischen Ländern sind solche Verbote bereits Realität. Die Französin Namayca Bauer, die jüngste der im Film porträtierten Dompteusen, die mit Anka Schmid kürzlich einige Vorpremieren begleitete, stellt dazu eine Gegenfrage: Ist das, was wir Zirkusleute mit unseren Tieren tun, wirklich schlimmer als das Leben jener Millionen von Hauskatzen, die ihr Leben lang in einer Wohnung eingesperrt sind?

«Wild Women, Gentle Beasts» • Do, 17.9., 20 Uhr, Kinok St. Gallen: Premiere, die Regisseurin ist anwesend • Ab 28.9. im Cinema Luna in Frauenfeld; am 30.9. sind die Regisseurin und der Kameramann Peter Indergand zu Gast