Nebenjob Pornostar

«Tatort»

Julia Stephan
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In einem leeren Büroraum steht ein quietschrosa Planschbecken. Daneben liegt eine strangulierte junge Frau. In ihrem Magen: zwei Dutzend Spermasorten. Im Planschbecken dasselbe Gemisch. Wie kam das Zeugs da hin?

Die Tote heisst Marie Wagner und war angehende Sozialpädagogin, Oberstaatsanwaltstochter und im Nebenjob Pornostar. In den ersten «Tatort»-Minuten läuft die junge Frau im wolligen Pulli und gebettet in eine woh­lige Wolke klassischer Musik, ­ die aus ihren Kopfhörern dröhnt, durch die Innenstadt, um sich schliesslich am Dreh- und Tatort von der Passantin in den Pornostar Luna Pink zu ver­wandeln. Als solche wartet sie darauf, dass ihr 26 Männer ins Gesicht spritzen.

Hätte man diese Episode im Öffentlich-Rechtlichen in voller Länge gezeigt, hätte so mancher Zuschauer in seine Chipstüte kotzen müssen. Aber es geht im Münchner Tatort «Hardcore» weniger um Sexpraktiken jenseits der Norm und ihre merkwürdigen Abkürzungen, sondern darum aufzuzeigen, dass das Pornogeschäft vor allem eines ist: ein ganz normales profitorientiertes Geschäft mit Tabulosigkeit, das durch ein beinahe biederes Reglementarium und die Einseitigkeit der Motivwahl für Aussenstehende fast langweilig wirkt.

In einer Mischung aus Milieustudie und Komödie– Batic und Leitmayr verhören die nackten Darsteller bei ihrer Schinkenbrötchenpause – macht der Film auf eine Parallelgesellschaft aufmerksam, in der die Menschen mit grosser Ernsthaftigkeit ihrer Leidenschaft nachgehen. Nur die Fallauflösung ist definitiv ein Abtörner.

Julia Stephan

Tatort aus München – «Hardcore». Heute So, 20.05, SRF 1.