Nebel über einem Theaterabend

Sascha Bunge hat Eugene O'Neills Stück «Eines langen Tages Reise in die Nacht» am Theater Konstanz inszeniert. Die Widersprüche in einer Familie aufzuzeigen, könnte spannend sein, doch da sind auch unpassende Brüche.

Brigitte Elsner-Heller
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Morphium und andere Betäuber: die Mutter (Friederike Pöschel), dahinter die Hausangestellte Cathleen (Laura Lippmann), die Söhne James (André Rohde) und Edmund (Arlen Konietz) und der Vater (Ingo Biermann). (Bild: Theater Konstanz/Ilja Mess)

Morphium und andere Betäuber: die Mutter (Friederike Pöschel), dahinter die Hausangestellte Cathleen (Laura Lippmann), die Söhne James (André Rohde) und Edmund (Arlen Konietz) und der Vater (Ingo Biermann). (Bild: Theater Konstanz/Ilja Mess)

KONSTANZ. Es ist ein autobiographisches Familiendrama, das Eugene O'Neill mit seinem Stück «Eines langen Tages Reise in die Nacht» hinterlassen hat. 1941 vollendet, wurde es erst 1956 uraufgeführt. Dem 1953 verstorbenen O'Neill ist dafür posthum der Pulitzer-Preis verliehen worden – sein vierter neben dem Literaturnobelpreis, den er 1936 zugesprochen bekommen hatte.

Der Alkohol verbindet

Das Geschehen, das auf der Konstanzer Bühne vor Augen geführt wird, ist auf einen einzigen Tag konzentriert, der von Nebel beherrscht wird. Die Mutter, Mary, betritt wie ein Gespenst die Szenerie. Alles Helle an ihr ist Jenseitigkeit, verhalten sind ihre Bewegungen.

Angelika Wedde, Kostüm- und Bühnenbildnerin, hat die Schauspielerin Friederike Pöschel in lange Kleider gehüllt, die alle ein wenig verweht wirken. Kein Wunder, ist die Mutter doch nach der Geburt des dritten Sohnes Edmund (Arlen Konietz) nicht mehr vom Morphium weggekommen. Edmund, seinerseits nur ein «Ersatz» für den früh verstorbenen Zweitgeborenen, versucht sein Heil in der Literatur zu finden, wird aber von einer Tuberkulose heimgesucht. «Eine Sommergrippe», wie die Mutter behauptet.

Dann der ältere Bruder James jr. (André Rohde), der den starken Mann gibt und sich mit käuflichen Frauen sowie Whiskey betäubt. Der Alkohol verbindet ihn mit dem hustenden Edmund und dem Vater, James Tyrone (Ingo Biermann), der aus ärmlichen Verhältnissen stammt, aber als Schauspieler Geld gemacht hat. Überlebensgrosse Fotografien dieses Vaters prägen das Haus am Meer, in dem man sich versammelt hat.

Widersprüche in allen Personen

Künstlich gerahmt erscheint auch vieles in der Inszenierung. Die Bilder eines Lebens werden Regisseur Sascha Bunge zu kühlen Raumteilern, meist in kaltes Licht getaucht.

Ingo Biermann tritt als Familienoberhaupt mit dem schmal gestutzten Schnurrbart auf, mit dem man O'Neill auf Fotos sieht. Kurze Hosen und eine mit Fransen bewehrte Lederjacke zeigen den Patriarchen in der Sommerfrische. Aber wenn das nur so wäre: etwas zu laut, etwas nervös stellt sich dieser «Übervater» vor die Söhne und seine süchtige Frau. Verwirrung überhaupt, denn in allen Personen sind Widersprüche angelegt.

Da wird der hustende Edward plötzlich zu bedeutsamer Rede fähig, nur um im nächsten Augenblick wieder zurückzuweichen. James jr. dagegen bietet dem Vater erbittert die Stirn, beherrscht den jüngeren Bruder – und wirkt doch wie der Normalste. Auch der Vater schwankt in seinen Reaktionen in dem Mass, wie sich die Bündnisse innerhalb der Familie ändern. Selbst die Hausangestellte Cathleen (Laura Lippmann) wechselt in ihrem Rollenverhalten.

Diffuse Helle, krankes Grün

Verstörend ist das, nicht in Einklang zu bringen. Die Figuren schliessen vor dem die Augen, was sie sehen, um weiterleben zu können. Alkohol wird denen zur Droge, die sich über das Morphium der Mutter sorgen, und selbst für den Zuschauer werden die Folgen dieser Exzesse nicht auf der Bühne sichtbar gemacht. Nur das Bühnenlicht wechselt von diffuser Helle gelegentlich zu krankem Grün.

Das könnte spannend sein. Aber es gibt Brüche, die als Programm nicht mehr passen wollen. Angefangen bei der überdeutlichen Artikulation, die viel Abstand schafft. Dann die Comedy-Einlage als Kräftemessen der Brüder sowie die Hinweise darauf, was die Bühnenbeleuchtung kostet und die Schauspieler verdienen. Nicht zuletzt der Gesang der Familienmitglieder, der Gemeinsames hervorheben soll.

Aber braucht man dazu die Gitarren von André Rohde und Ingo Biermann? Dieses Selbstzitat des Theaters, das im Johnny-Cash-Stück mit diesen beiden Schauspielern ein Highlight der Spielzeit hatte? Die Regiearbeit von Sascha Bunge ist nicht in allen Facetten nachvollziehbar.

Weitere Vorstellungen: 1.–18.7., Stadttheater www.theaterkonstanz.de