«Naturklänge sind keine Störgeräusche»: Auf dem Album der Ostschweizer Musiker Marcello Wick und Elias Menzi zwitschern zu Gesang und Hackbrett manchmal Vögel

Auf dem Album vom St.Galler Sänger Marcello Wick und dem Teufner Hackbrettspieler Elias Menzi sind ungewohnte Klänge zu hören. Die Musiker wollten das erste gemeinsame Album nicht in einem «schalltoten Studio» einsingen, sondern Zufall und Lautsphäre am Schwänberg in Herisau nutzen.

Roger Berhalter
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Marcello Wick in seinem Musikzimmer in St.Gallen. Auf dem Tisch rechts liegt das Horn «Pirmin», benannt nach dem Toggenburger Geissbock, der es einst trug.

Marcello Wick in seinem Musikzimmer in St.Gallen. Auf dem Tisch rechts liegt das Horn «Pirmin», benannt nach dem Toggenburger Geissbock, der es einst trug.

Bild: Urs Bucher

«Wenn draussen jemand den Rasen mähte, machten wir halt Pause», sagt Marcello Wick und lacht. Der St.Galler Musiker erzählt von den Aufnahmen zum Album «Zwischen den Welten», das er mit dem Teufner Hackbrettspieler Elias Menzi eingesungen hat. Es waren keine gewöhnlichen Aufnahmen.

Die beiden Musiker verbrachten fünf Tage auf dem Schwänberg bei Herisau. In einem alten Gewölbekeller stellten sie ihre Instrumente und Mikrofone auf und spielten und sangen drauflos. Teils frei improvisiert, teils mit Songstrukturen.

Der Keller hatte Fenster ohne Scheiben, deshalb drangen Umgebungsgeräusche ins Innere und schafften es teilweise bis auf die Aufnahme. So zwitschern zu Gesang und Hackbrett manchmal die Vögel, ein Lied endet mit Hufgetrappel, bei einem anderen hat das Schlusswort der Donner. Für Wick sind diese Naturklänge keine Störgeräusche.

«Die Lautsphäre der Umgebung ist etwas Schönes. Da atmet noch etwas, nicht alles ist kontrolliert. Gewisse Dinge überlassen wir dem Zufall.» 

Nur der Rasenmäher war fürs Album dann doch zu laut. Wick ist auf einem Bauernhof in Andwil aufgewachsen und bezeichnet sich als naturverbundenen Menschen. Deshalb wollte er das erste gemeinsame Album mit Elias Menzi auch nicht in einem «schalltoten Studio» einsingen. Mit dem Ergebnis ist er zufrieden: «Dadurch ist ein sehr persönliches, authentisches Werk entstanden.»

Marcello Wick kann zwei Töne gleichzeitig singen

Das Album «Zwischen den Welten» mit seinen 15 Liedern entführt den Hörer in mystische und archaische Klangwelten. Das Hackbrett tönt zunächst vertraut, Elias Menzi entlockt dem Instrument aber auch exotische Töne, die an die indische Sitar erinnern. Er spielt lüpfige, rhythmische Motive ebenso wie flirrende Flächen.

Prägend ist vor allem der eigenwillige Gesang von Marcello Wick, einem der besten Obertonsänger der Schweiz. Die aus der mongolischen Volksmusik stammende Technik des Ober- und Untertongesangs hat Wick von Christian Zehnder gelernt, dem neuen künstlerischen Leiter der Klangwelt Toggenburg. Die Technik erlaubt es ihm, über einem Grundton einen zusätzlichen hohen Ton zu singen, oder mit der Stimme tief hinabzutauchen und düster zu raunen.

Schon in der «Hamlet»-Inszenierung des Theaters St.Gallen 2016 hat Wick dies eindrücklich demonstriert. Auf dem neuen Album zeigt er weitere Facetten seiner vielseitigen Stimme. Der 40-Jährige beherrscht alle Register von leise bis laut, von getragen bis hechelnd, von groovig-strukturiert bis frei improvisiert. Es ist faszinierend, ihm dabei zuzuhören, wie er Klänge aus seinem Körperinnern hervorholt. So klingt «Zwischen den Welten» auch niemals verkopft, sondern im besten Sinn aus dem Bauch heraus.

Armenische Flöte und Toggenburger Geissbockhorn

«Die harmonischen Strukturen unserer Lieder sind oft einfach», sagt Marcello Wick, der eine traditionelle Jazzgesangsausbildung absolviert hat. Er setze nicht auf Virtuosität.

«Im Vordergrund stehen die Klangfarben und Emotionen. Ich möchte Geschichten erzählen und musikalische Reisen ermöglichen.»

Seine Lieder seien wie Musik für einen Film, den es nur im Kopf des Hörers gebe. «Zwischen den Welten» klingt tatsächlich wie eine Reise. Mal wähnt man sich dank Jodel und Hackbrett in der Heimat, mal im fernen Osten. Dazu tragen auch die Instrumente bei, die Wick auf dem Album spielt. Duduk, die wehmütige armenische Flöte, geschnitzt aus Aprikosenholz. Udu, eine aus Nigeria stammende Trommel aus gebranntem Ton.

Und natürlich «Pirmin», das Horn des gleichnamigen Toggenburger Geissbocks, das Wick zum Blasinstrument hat umbauen lassen. «Es klingt wie ein Nachhall vom Berg. Wie Pirmin selig, der hinunter ins Tal ruft.»

Weitere Infos unter: www.stimmpro.ch

KLANGRÄUME: Singen ist viel mehr als Gesang

Der St. Galler Musiker Marcello Wick gibt gemeinsam mit dem weltbekannten Christian Zehnder und dem von ihnen gegründeten A-cappella-Chor Partial ein Konzert in der Kirche St. Mangen.
Brigitte Schmid-Gugler

Zwischen den Tönen singen

Musiker wäre die gängige Bezeichnung für Marcello Wick. Stimmexperimentierer könnte man ihn auch nennen. Zurzeit steht er in «Hamlet» auf der Grossen Bühne des Theaters.
Mirjam Bächtold