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Musik im Sog der Malerei Turners: «Natur ist immer verkünstlicht»

Die Rigi Musiktage vom 19. bis 21. Juli liefern den romantischen Soundtrack zur grossen Turner-Ausstellung im Kunstmuseum Luzern. Der 
Musikwissenschafter Anselm Gerhard über Alpen-Mythen in Malerei und Musik, die in der Schweiz bis heute nachwirken.
Urs Mattenberger
Auflösung der Form wie bei romantischen Komponisten: Der Gotthard-Sturm von William Turner (1775–1851) hängt jetzt im Kunstmuseum Luzern. (Bild: © Tate, London, 2019)

Auflösung der Form wie bei romantischen Komponisten: Der Gotthard-Sturm von William Turner (1775–1851) hängt jetzt im Kunstmuseum Luzern. (Bild: © Tate, London, 2019)

Im Kunstmuseum Luzern dämonisiert William Turner gegenwärtig Berge und Meere. Dabei hatte Albrecht von Hallers Gedicht «Die Alpen» 1729 mit deren Mythisierung aufgeräumt. Wie kam es um 1800 zu diesem dramatischen Wechsel des Bilds von den Bergen?

Anselm Gerhard: Das moderne Bild der Berge geht tatsächlich auf Albrecht Haller zurück. Aber ich würde sein Wirken dialektisch interpretieren, weil er auch den Anstoss gab zu einer Re-Mythisierung der Alpen. Er selber hat zwar die Alpen als Aufklärer entmythisiert, indem er ihnen den Schrecken nahm, der in Sagen wie jener von der Teufelsbrücke zum Ausdruck kommt. Als er seine Reise unternahm, waren die Alpen eine Art terra incognita. Die meisten Berge hatten keine Namen und erhielten diese erst im 19. Jahrhundert mit dem aufkommenden Alpentourismus.

Und wie begann damit eine neuerliche Mythisierung der Alpen?

Hallers Gedicht rückte die Alpen in den Blickpunkt europäischer Reisender und Intellektueller. In der Folge kamen Touristen aus England und machten Intellektuelle in Paris die Alpen zum Thema. Jean-Jacques Rousseau und andere konstruierten das Urtümliche der Alpen, was ich als Re-Mythisierung bezeichne. Die Idee war: Wenn die Leute in einer so schönen Gegend und in so guter Luft leben, sind sie ehrlicher, bessere Republikaner und generell näher an der Natur des Menschen.

Wie kehrte der Schrecken vor der Natur bei Turner oder in musikalischen Sturmszenen jener Zeit zurück?

Das ist nach 1800 eine gegenläufige Bewegung der Romantik zur Aufklärung. Viele Romantiker blieben dieser zwar verhaftet und haben nicht dieses bedrohliche Bild der Natur gezeigt. Aber auffällig ist, dass die Bedrohlichkeit der Berge oder – ebenfalls bei Turner – des Meers in der Malerei nach 1800 viel ausgeprägter vorhanden war als in der Musik oder in der Literatur.

Heute nutzen Kriminalromane die düstere Bergwelt für schaurige Mordgeschichten. Das gab’s nicht in der Zeit, als Turner Berge wie Höllenschlünde malte?

Doch, eine Ausnahme sind die in Vergessenheit geratenen Schicksalsdramen des Schweizers Zacharias Werner, die in ganz Europa gelesen wurden. Da gibt es eine entsetzliche Mordgeschichte von 1808, in der auf der Alproute zwischen Kandersteg und Leuk, also mitten in einer vermeintlichen Bergidylle, Mord und Totschlag eine ganze Familie auslöschen. Das ist wohl verkettet mit den intellektuellen Kreisen, die sich bei Madame de Staël bei Genf getroffen haben. In diesem Umfeld hat ja auch Mary Shelley ihren Roman «Frankenstein» geschrieben – nicht in England, sondern am Genfersee und nach einer Reise in die Alpen.

Zeigt sich dieser Doppelcharakter von Idyll und Schrecken auch in musikalischen Schweizbildern jener Zeit, etwa bei den Turner-Zeitgenossen Liszt und Mendelssohn, die an den Rigi Musiktagen gespielt werden?

Eine entscheidende Rolle im Zusammenhang mit musikalischen Schweizbildern kam Franz Liszt zu, weil er von Paris aus mit einer adligen Frau nach Genf durchgebrannt war und dort seine «Années de Pèlerinage» schrieb. Da gibt es im Schweizer Band auch eine «Orage», also einen Sturm, aber vorherrschend ist doch die Idylle. Die bleibt in der Musik generell wichtiger als die schrecklichen Seiten der Natur.

Wird nicht in Liszts «Vallée d’Obermann» die Bergwelt abgründig psychologisiert wie bei Turner?

Es ist schwierig, darauf eine klare Antwort zu geben. In «Vallée d’Obermann», das Liszt nach Reisen mit Marie d’Agoult durch die Schweizer Alpen schrieb, findet sich zwar der Schrecken der Natur. Aber er wird doch aufgelöst in eine Idylle mit strahlendem Dur.

Mendelssohn schrieb seine Hebriden-Ouvertüre nach dem Besuch der 85 Meter langen Fingal’s Cave – zwei Jahre, bevor Turner die Grotte malte. Wie viel von der Ästhetik seiner Malerei ist da drin?

Die Hebriden-Ouvertüre hat zwar ebenfalls eine bedrohliche Seite, aber auch hier löst die lineare Zeitkunst Musik den Schrecken auf und lässt ihn nicht stehen wie der Maler in einem Bild. Wichtiger ist hier das für die musikalische Romantik zentrale Verfahren, aus dem Formlosen heraus erst Form entstehen zu lassen. Auf einer Richterskala des Bedrohlichen in der Musik wäre das Chaos am Anfang von Haydns «Schöpfung» oder der Anfang von Beethovens Neunter Sinfonie als Gestaltung des Formlosen um einiges bedrohlicher.

Regula Mühlemann singt auf der Rigi Lieder von Schweizer Komponisten, bei denen Natur für Heimat steht. Was sind Vorläufer für solche musikalischen Schweizbilder?

Eine wichtige Rolle spielte auch in dieser Hinsicht Rousseau, der den Schweizer Kuhreihen in seinem Dictionnaire von 1768 abdruckte und europaweit bekannt machte. Den Schweizer Freiheitsmythos machte 1829 Rossinis «Guillaume Tell» zum Begriff: Hier finden sich Jodel-Imitationen und auch ein prominentes Beispiel für den Schrecken vor der Natur – in der Ouvertüre vor der Schalmei-Idylle und dem ‹Bonanza-Ritt›. Als Element alpenländischer Identität hat Schubert den Jodel 1828 in seinem «Hirt auf dem Felsen» imitiert, wobei die Klarinette als Platzhalter für die Schalmei den Naturbezug unterstreicht. Solche Fremdbilder von Nationen beeinflussen zwangsläufig deren Selbstbilder. Wesentliche Züge des heutigen Schweizer Selbstverständnisses sind durch das Fremdbild der Literaten und Musiker im 19. Jahrhundert geprägt worden.

Holen Kuhreihen, Jodel und Schalmei-Nostalgie naturalistisch eine Art Heidi-Idylle in die Musik herein, wie es im Programmtext zu Mühlemanns Rezital heisst?

Es ging Ende des 18. Jahrhunderts eher um die Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem Natur- und dem Kunstschönen, die heute wieder aktuell ist. Ist die Kunst vor allem dann schön, wenn sie die Schönheit der Natur imitiert? Solche Fragen beschäftigten Komponisten, Maler und Dichter. Das ging bis zur Metapher, dass ein Maler ein Bild so schön gemalt hatte, dass die Vögel daran knabbern wollten. Aber wenn grosse Kunst genau so aussieht wie die Natur, dann ist eigentlich die Fotokopie die grösste Kunst. Das ist eine sehr heikle Frage, gerade heute, wo wir mit technischen Mitteln fast alles nachbilden können.

In der Musik wären Fotokopien Zitate wie Alphorn oder Jodel?

Ja, aber auch Naturlaute wurden in Kompositionen hereingenommen, was lange verpönt war. Die Vogelstimmen-Imitationen in Beethovens Pastorale sind dafür ein extremes und frühes Beispiel. Aber auch in solchen Fällen ist der Volks- oder Naturton immer bearbeitet. Das veranschaulicht das Alphorn-Solo in der ersten Sinfonie von Brahms. Da spielt nicht ein Alphorn, sondern ein Horn eine Melodie, die Brahms 1868, vermutlich am Stockhorn, von einem Alphornbläser gehört haben will. Dabei war die Alphorn-Tradition im 18. Jahrhundert fast abgestorben und wurde erst um 1820 aus touristischen Gründen wieder belebt. Natur ist immer verkünstlicht. Das gilt auch heute über die Kunst hinaus.

Inwiefern?

Das betrifft etwa die wirtschaftliche Nutzung von Grünflächen im Alpen-Gebiet. Die Kühe auf die Alp hoch und wieder herunter zu treiben gehört in der Schweiz quasi zu unserer «Natur». Und ist uns soviel wert, dass wir das über Subventionen am Leben erhalten. Letztlich ist aber auch diese Entwicklung nicht zu trennen vom touristischen Interesse, dass Wanderer auf ihren ausgeschilderten, also künstlich angelegten Bergwegen urtümliche Kultur sehen wollen. Das führte nach 1820 und bis heute dazu, dass man hoch in den Bergen Kühe weiden liess, an Stellen, an denen im 18. Jahrhundert das kein Mensch getan hätte.

Alpaufzüge gab es damals nicht?

Doch, aber nicht in diese Höhe hinauf. Und so kommen wir nicht nur in der Musik und Kunst, sondern auch in der Realität aus den Widersprüchen von Natur und Kultur nicht heraus. Die reine Natur gibt es nicht.

Hinweis: 
Anselm Gerhard (61) ist Professor für Musikwissenschaft an der Uni Bern.

Musikalische Rigi-Romantik

An den Rigi Musiktagen (19. bis 21. Juli) erklingen folgende Werke von Komponisten, die im Gespräch erwähnt werden: Lieder von Schweizer Komponisten (Regula Mühlemann), Liszt («Au lac de Wallenstadt»), Schubert («Der Hirt auf dem Felsen», Freitag, 19. Juli, 19 Uhr); Fanny und Felix Mendelssohn (Streichquartette, Samstag, 20. Juli, 17.45 Uhr); Brahms (Klarinetten-Trio, Samstag, 20. Juli, 11 Uhr; Streichsextett Nr. 2, Sonntag, 21. Juli, 16 Uhr). Es spielen das Gémeaux Quartett, Fabio Di Càsola (Klarinette) und das Klavierduo Soós Haag.

Hinweis: Programm und Vorverkauf: www.rigi.ch

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