Nationaler Jazzwanderzirkus

Die schweizweite Konzertreihe «Swiss Diagonales Jazz» gastiert erneut in St. Gallen: Morgen Samstag sowie nächsten Freitag mit zwei Abenden bei «Kultur im Bahnhof». Morgen spielen das Asmin Sextett und die Michael Neff Group.

Tom Gsteiger
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Dass die Vereinsmeierei zuweilen seltsame Blüten treibt, ist kein Geheimnis. Ein Beispiel ist das gutgemeinte Wirken des Vereins «Suisse Diagonales Jazz» (SDJ), dem neben zahlreichen Konzertveranstaltern auch Vertreter des akademischen Zweigs der helvetischen Jazzausbildung angehören. Aufgrund eines aufwendigen Auswahlverfahrens ruft der Verein alle zwei Jahre eine Art föderalistischen Jazzwanderzirkus ins Leben, der nicht nur den Röstigraben, sondern auch den Risottograben tapfer überwindet.

Auch heuer wird wieder mit der grossen Kelle angerichtet: Bis zum 12. Februar treten an zwanzig Orten zehn vom Verein SDJ ausgewählte Bands auf (mit einer Ausnahme bestreitet jede Band fünf Konzerte). Dazu kommen an den meisten Orten zusätzliche Gruppen, in denen zumeist «local heroes» den Ton angeben. Doch damit nicht genug: Zum Auftakt wird ein spezielles «Mentoring Project» mit einem internationalen Star durchgeführt: 2009 war dies der norwegische Keyboarder Bugge Wesseltoft, dieses Jahr ist es der US-Schlagzeuger Joey Baron. Zu hören gibt es das von Baron geleitete Sextett allerdings nur in Genf, Lugano und Zürich.

Angebot und Nachfrage

Insgesamt sind über hundert Jazzmusiker mit von der Partie. Bedenkt man, dass dies nur ein kleiner Ausschnitt aus der Schweizer Jazzszene ist, beschleicht einen ein leicht mulmiges Gefühl. Die Akademisierung des Jazz hat in der Schweiz ein problematisches Ausmass angenommen. Das heisst: Die inzwischen fest in der Musikhochschullandschaft verankerten Jazzschulen produzieren ein Angebot, das die Nachfrage bei weitem übersteigt. Ob es sich bei SDJ um eine nachhaltige Förderung des hiesigen Jazznachwuchses handelt, darf bezweifelt werden. Erstens findet die Veranstaltung nur alle zwei Jahre statt und zweitens sind die Konzerte ziemlich unübersichtlich übers Land verstreut; drittens verfügt das Programm nicht über einen roten Faden. SDJ ist ein Kraftakt ohne Konturen, der höchstens aus der Vogelperspektive beeindruckend zu wirken vermag. Gezielte Investitionen in eine halbwegs professionelle Club-Infrastruktur würden dem Schweizer Jazz wohl langfristig mehr bringen.

Konzerte in St. Gallen

In St. Gallen finden – in Zusammenarbeit mit Gambrinus Jazz und Kultur im Bahnhof – zwei SDJ-Abende statt. Die lokale Szene wird durch die Gruppe des Trompeters Michael Neff sowie das europäische Augur Ensemble, bei dem der umtriebige Pianist Fabian Müller als Co-Leader fungiert, vertreten. Dazu kommen zwei Gruppen der SDJ-Sélection 2011: Das Asmin Sextett des Saxophonisten Gregor Frei und die Gruppe Klangquadrat, bei der mit Cédric Gschwind ebenfalls ein Saxophonist die Strippen zieht.

www.diagonales.ch