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Narziss und Zweifler

Biopic Im Frühjahr des Jahres 1940 spielt Joe Wrights Film «Darkest Hour», der die Regierungsübernahme Winston Churchills und seine ersten fünf Amtswochen nachzeichnet. Eben jene fünf Wochen, die der Evakuierung von Dunkerque vorausgingen. Wie ernst es Wright mit seinem Titel meint, zeigen die ersten zehn Minuten, ein düsteres Vorspiel, in dem der Protagonist noch auf sich warten lässt. Die Beschwichtigungspolitik unter Premierminister Chamberlain ist am Ende. Die Zeit ist reif für das Comeback eines wortmächtigen Politikveteranen, der keinen Sinn mehr in Verhandlungen mit Hitler sieht. Gary Oldman gibt Churchill fast überwirkliche Züge. Sein erster Auftritt könnte nicht spektakulärer sein: Im Dunkeln leuchtet lediglich die Zigarre. Und es sind dunkle Aussichten, die er bald darauf mit dem Pathos eines Todesengels verkünden wird. Die Zeit ist reif für Blut, Schweiss und Tränen.

Wie so oft in derartigen Biopics muss man sich erst an die schwere Maske des Hauptdarstellers gewöhnen, an das fast parodistische Spiel mit den berühmten Manierismen des ikonischen Staatsmannes. Ganz wird es nie gelingen, in der Nachzeichnung nur noch das Original zu sehen, aber je länger dieser Film dauert, desto faszinierender ist dieser leichte Verfremdungseffekt. Schon das Filmplakat gleicht einem Horrorfilm, dabei erweckt allein die Hauptfigur diese überwirkliche Distanz im ansonsten sorgfältig rekonstruierten historischen Umfeld. Aber genau darin liegt das Faszinosum. Die Höhepunkte des Films sind nicht die dramatischen Zuspitzungen. Es sind Szenen wie jene, in der Churchill mit der überfüllten Londoner U-Bahn fährt und erst nach und nach von den Mitfahrenden erkannt wird. Wie ein Sultan, der sich unter das Volk gemischt hat, fragt er die einfachen Leute nach ihrer Meinung und was sie auf dem Herzen haben. Es ist eine höchst zwiespältige Szene, erfunden und doch grossartig in ihrer Vision. Ein Augenblick aus einem Propagandafilm, den es nie gab.

Der Schauer, den solche Momente verbreiten, rührt auch im Abgleichen mit der Gegenwart. Wie gefährlich ist der Sympathievorschuss, den charismatische Politiker wie einen Blankoscheck verbuchen?

Mehr als um die historische Nachzeichnung geht es in diesem Film um die psychologischen Innenansichten der Macht. Churchill zeigt sich gerade in den erfundenen privaten Szenen – etwa mit seiner von Kristin Scott Thomas gespielten Ehefrau – als fragil, gefangen im Wechsel zwischen Selbstzweifel und Narzissmus. Keine gesunde Verbindung, aber immer noch sympathischer als die gegenwärtige Lage im Weissen Haus: Dort regiert der Narzissmus ohne jedes innere Korrektiv.

Daniel Kothenschulte

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