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Näher dran am Wahren

Zwölf Hüttenwartinnen erzählen von ihrem Leben zwischen Gastgeberpflichten und der grossen Freiheit abseits der Zivilisation.
Beda Hanimann
«Es ist so paradiesisch hier»: Silvia Hurschler Bieri, Hüttenwartin in der Spannorthütte UR. (Bild: Stephan Bösch)

«Es ist so paradiesisch hier»: Silvia Hurschler Bieri, Hüttenwartin in der Spannorthütte UR. (Bild: Stephan Bösch)

Das Bild spricht Bände, trotz seiner Intimität. So wie man sagt «Der Berg ruft» – obwohl es nirgendwo im Land so ruhig ist wie auf den Gipfeln. Genau so beginnt das intime Bild zu erzählen. Eine Frau lehnt sich an einen Holzpfosten, fast ist es kein Stehen mehr, aber auch kein Sitzen, dafür fehlte offenbar die Zeit. Die Hände halten locker fallend eine Papierserviette, gerade waren sie wohl noch beschäftigt. Im Gesicht ein Lachen, in dem Erschöpfung liegt, aber auch Entspannung, ein Glück, eine Zufriedenheit. Das verschobene Karomuster des Tischtuchs im Bildhintergrund verrät, dass an diesem Tisch vor nicht langer Zeit Menschen sassen, die aufstehend und sich setzend am Tuch herumgezupft haben.

Die Magie des Ortes

Das Bild zeigt Silvia Hurschler Bieri, die 45jährige Seniorenpflegerin, Kinderskilehrerin und Textilschaffende, die als Hüttenwartin in der Spannorthütte ob Engelberg arbeitet, wo jeder Sonnenaufgang anders ist. Wo sie oft Sehnsucht nach ihrem Mann im Tal unten hat und bei Sturm und Regen bangt und hofft, dass nicht «noch etwas kaputtgeht und es das Dach wegreisst». Und wo sie sagt: «Aber sobald so ein Unwetter vorüber ist, zieht mich die Magie dieses Ortes wieder voll in ihren Bann. Es is so paradiesisch hier!»

Silvia Hurschler Bieri ist eine von zwölf Frauen, die in den Schweizer Bergen als Hüttenwartinnen tätig sind und die die Thurgauerin Daniela Schwegler im Buch «Bergfieber» zu Wort kommen lässt. Zwei von ihnen hat die Baslerin Vanessa Püntener, mit der Schwegler schon frühere Buchprojekte realisiert hat, mit der Kamera durch den Bergalltag begleitet, zehn hat der Uzwiler Fotograf Stephan Bösch porträtiert.

Über Umwege auf den Berg

Berg und Gastfreundschaft, das ist die doppelte Faszination, der die Frauen erlegen sind. Meist führte ihr Lebensweg nicht als gradlinige Route auf den Berg. Das belegen schon die Berufsbezeichnungen. Sarah Benz, die Wartin der Konkordiahütte, ist gelernte Pflegefachfrau, Irene Beck von der Trifthütte Sekundarlehrerin, Manuela Fischer von der Cavardirashütte Grafikerin, Marlies Martig von der Chamanna Cluozza Zahnarzthelferin und Kosmetikerin, Anna-Barbara Kayser von der Spitzmeilenhütte Lehrerin, Theaterpädagogin und Entwicklungshelferin.

Auf dem Berg haben sie das gefunden, worum der erwachsene Mensch nicht herum- kommt, Arbeit nämlich. Viel Arbeit. Den Sommer kannst du vergessen, sagen sie, oder wie Anna-Barbara Kayser: «Als Hüttenwart lebst du zwar mitten in den Bergen. Aber selber kommst du kaum noch raus.» Anne-Marie Dolivet von der 3311 Meter hoch gelegenen Cabane Bertol im Wallis sagt gar: «Die Hütte ist auch ein Gefängnis.»

Neben Arbeit und Gefängnis haben die Frauen aber auch anderes gefunden, das genaue Gegenteil, die unendliche Freiheit. Denn die Französin Anne-Marie Dolivet, seit über dreissig Jahren Hüttenwartin an verschiedenen Orten, sagt auch: «Hier auf der Hütte finde ich Leben pur. Man ist näher am Wesentlichen und Wahren dran. In den Bergen fühle ich mich frei. Hier kann ich durchatmen.» Irene Beck drückt es so aus: «Hier oben ist es nicht wichtig, wer du bist. Nur die Begegnung zählt.»

Alles wird relativ

Aus den Schilderungen der Frauen wird ahnbar, dass die Berge nicht einfach geographische oder topographische Faktoren sind, sondern für eine Lebenshaltung stehen. In vielen dieser Lebensläufe spielen auch Erfahrungen in Nepal, Afrika oder Südamerika eine Rolle. All diesen Orten ist die Authentizität des Lebens gemeinsam, die Kraft der Elemente, die Einfachheit, das Wesentliche. Die Berge sind die Schweizer Variante der Faszination, die auch das Meer oder die Wüste ausüben.

Es ist das Paradox einer Existenz zwischen Einsamkeit und pausenlosem Gefordertsein als Gastgeberin, welches das Bergfieber ausmacht. Ein Fieber, das den Menschen körperlich und psychisch an Grenzen bringt, das aber gleichzeitig höchstes Glück ist. Mit ihren Erzählungen stecken die zwölf Frauen auch den Leser an. Und in den stimmungsvollen Fotos löst sich das Paradox von Angebundensein und Freiheit auf. «Ja, es ist doch alles sehr relativ», sagt Anna-Barbar Kayser. Auch das rufen uns die stummen Berge zu.

Daniela Schwegler, Stephan Bösch, Vanessa Püntener: Bergfieber, Rotpunktverlag 2015, 253 S., Fr. 39.90

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