Näher am gewöhnlichen Leben

Ein leichter Film ist «Post Tenebras Lux» des mexikanischen Regisseurs Carlos Reygadas nicht, aber ein faszinierender. Mit allen seinen vier Filmen hat es der Filmemacher erfolgreich nach Cannes geschafft. Zu sehen ist sein neuer Film im Kinok.

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Herr Reygadas, «Post Tenebras Lux» sei von all Ihren Filmen jener, der Ihnen am nächsten sei, erklärten Sie kürzlich. Heisst das, dass er autobiographische Züge trägt?

Carlos Reygadas: Nein, aber er ist mir dadurch nahe, dass Figuren und Locations viel mit meinem engsten persönlichen Umfeld zu tun haben: die beiden Kinder im Film sind meine Kinder, das Haus ist mein Haus, der Mann, der den Arbeiter «El Siete» verkörpert, ist ein Handwerker, der viel an meinem Haus gearbeitet hat, die Leute, die am Fest zu sehen sind, sind Freunde von mir, das Dorf im Film ist jenes, das meinem Haus am nächsten liegt. Dennoch ist mir der Film nicht so nahe, wie das bei «Stellet Licht» der Fall war. Und dies, obwohl in jenem Film nichts aus meinem Umfeld präsent war und ausschliesslich Fremde mitspielten. Aber dort konnte ich mich mit dem Konflikt der Hauptfigur – dem Familienvater, der sich in eine andere Frau verliebt – hundertprozentig identifizieren, wogegen ich mich in «Post Tenebras Lux» mit niemandem identifizieren kann.

Sie filmten Steine, Wolken, Tiere in der gleichen Art und Weise, wie Sie auch die Figuren in Ihren Filmen filmten, sagten Sie an einer Veranstaltung an den Solothurner Filmtagen. Wie ist das zu verstehen?

Reygadas: Ich möchte betonen, dass ich das nicht in einem metaphysischen oder ethischen Sinn gemeint habe, sondern, dass es mir hier um den «Akt des Seins» geht, so wie das der grosse deutsche Philosoph Martin Heidegger einst formuliert hat. Es geht mir um das Sein vor der Kamera, und nicht um eine Repräsentation von irgendetwas. In diesem Sinn kann im Extremfall ein Kind – das hier real mein Sohn ist – die gleiche Wichtigkeit haben wie ein Felsbrocken.

Lässt sich aus dieser Sichtweise auch der Umstand erklären, dass in «Post Tenebras Lux» keine psychologische Figurenzeichnung stattfindet?

Reygadas: Vom Standpunkt des Drehbuchs aus gesehen, trifft das zu, denn die Figuren sollen sich hier rein aus sich selber heraus entwickeln – und nicht dadurch, dass ihnen im Sinne eines erzählerischen Mechanismus etwas widerfährt. Mich interessieren Figuren unter dem Gesichtspunkt des Wahrhaftigen und nicht unter dem des Narrativen.

Gefällt Ihnen die Rolle als einer der Hauptrepräsentanten eines sogenannten «radikalen Kinos»?

Reygadas: Ich empfinde das Schlagwort vom radikalen Kino als sehr relativ, das ist, wie wenn ich sage: Sie sind sehr schnell, aber verglichen mit einem Olympiasieger sind Sie furchtbar langsam. Nein ich fühle mich nicht als Radikaler, sondern als Realist.

Ach ja? Die animierte neonrote Teufelsfigur mit dem Werkzeugkoffer, der Mann, der grundlos plötzlich seinen Hund halbtot prügelt, das kleine Mädchen, das überhaupt keine Angst zeigt vor dem herannahenden schweren Gewitter – diese Szenen bezeichnen Sie als realistisch?

Reygadas: Doch, doch, das ist alles sehr realistisch, aber es ist nicht wie Fernsehen und es ist nicht kommerziell. Ja, es ist anders als das Kino von Hollywood, und folgt nicht gewohnten Codes. Sie dürfen das meinetwegen schon radikal nennen, aber für mich ist es einfach näher am gewöhnlichen Leben.

Aber es scheint nicht wenige Leute zu geben, die Mühe hatten, irgendetwas zu verstehen bei «Post Tenebras Lux», in Cannes bei der Premiere gab es ja nicht wenige Buhrufe.

Reygadas: Es gibt immer Leute, die schlecht erzogen sind – und man muss den Film ja auch nicht verstehen wollen, man kann ihn einfach wie einen Traum auf sich wirken lassen. Wenn mir das gelungen ist, dass einige Leute diese Erfahrung machen können, dann bin ich zufrieden.

Interview: Geri Krebs

Im Kinok: Morgen So, 20 Uhr; Sa, 16.2., 21.30; Mo, 18.2., 18; So, 24.2., 13 Uhr

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