Nachwuchs am Pult: Wie der Thurgauer Kantonal-Musikverband die Kunst des Dirigierens an junge Musiker vermittelt

Was ist der Unterschied zwischen Taktieren und Dirigieren? Und wie formt man aus 30 Einzelinstrumenten ein harmonisches Gesamtwerk? Sechs Kandidaten aus dem Thurgau haben in Kreuzlingen ihre Unterstufen-Dirigenten-Prüfung abgelegt.

Hana Mauder
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Mal piano, mal mezzoforte, doch stets konzentriert: der Kandidat beim Prüfungsdirigat.

Mal piano, mal mezzoforte, doch stets konzentriert: der Kandidat beim Prüfungsdirigat.

Bild: Andrea Stalder

Das Dirigentenpult ragt leicht erhöht im Probesaal der Jugendmusik Kreuzlingen auf. Die sechs Kandidaten des Dirigenten-Kurses Unterstufe sitzen an der Fensterfront und neigen ihre Köpfe über ihre Partituren. Es herrschen unterschiedliche Grade von Nervosität.

Mit dem Rotstift markieren sie in letzter Minute persönliche Anmerkungen. «Ein Teil unserer Aufgaben wurde erst gestern per Los ermittelt», sagt Kandidat Ralf Wagner aus Weinfelden.

Es ist der grosse Tag der praktischen Prüfung. Viel Zeit und Energie stecken im Dirigenten-Kurs, der im Februar 2019 seinen Anfang nahm. In dessen Verlauf standen Probe-Dirigate mit einem ad hoc Orchester und Theorie auf dem Programm.

Alle Kandidaten mussten einen Satz aus «Dakota» von Jacob de Haan dirigieren.

Alle Kandidaten mussten einen Satz aus «Dakota» von Jacob de Haan dirigieren.

Bild: Andrea Stalder

«Musiktheorie und -Geschichte, Harmonielehre, Pädagogik und noch so manches mehr», zählt Ralf Wagner auf. «Kenntnisse an einem Instrument sind von Vorteil», betont der 37-Jährige. Unverzichtbar ist für den Dirigenten eine verständliche Körpersprache: «Ich habe dafür Zuhause vor dem Spiegel geübt.»

Ein musikalisches Gesamtwerk formen

Das 35-köpfige Blasmusik-Orchester spielt sich im Saal lautstark ein. Die Zeiger der Uhr rücken vor. Jetzt gilt es ernst. Der erste Kandidat nimmt seinen Platz am Pult ein, hebt den Taktstock… Und dann ist er da, dieser Gänsehaut-Moment: Alle Blicke richten sich nach vorn. Die Musik setzt ein. Ab jetzt bleiben dem jungen Mann am Pult 20 Minuten, um aus mehr als 30 Einzelinstrumenten ein harmonisches Gesamtwerk zu formen.

Auf der anderen Seite des Raumes sitzt der Experte Markus Egger aus St.Gallen. «Der Prüfer achtet auf verschiedene Aspekte», erklärt Bruno Uhr, Mitglied der Musikkommission des Thurgauer Kantonalmusik-Verbandes und administrativer Leiter der Dirigentenkurse. «Wie führt der Dirigent die Taktsprache? Wie zeigt er den Anfang, wie die Übergänge und die Anweisungen?»

Kandidat im Einsatz: Traditionell führt die rechte Hand den Taktstock und gibt Einsätze, Dynamik, Metrik und Tempi vor. Die linke Hand lenkt die Emotionen und Ausdrucksstärke der Musiker.

Kandidat im Einsatz: Traditionell führt die rechte Hand den Taktstock und gibt Einsätze, Dynamik, Metrik und Tempi vor. Die linke Hand lenkt die Emotionen und Ausdrucksstärke der Musiker.

Bild: Andrea Stalder

Im Saal herrscht energiegeladene Konzentration. «Ich wollte ursprünglich nicht Dirigent werden», erzählt Kandidat Johannes Schubert. «Der ist nämlich immer an allem schuld…» Der Vollblut-Musiker hat seine Ansicht längst revidiert. Der 35-Jährige wohnt in Amriswil und leitet verschiedene Musikvereine in der Region.

Der Kurs des Thurgauer Kantonalmusikverbandes bot ihm eine willkommene Gelegenheit: «Ich wollte mehr über das Handwerk lernen», erklärt er. Seine Familie ist stolz auf ihn. «Mein Vater ist eigens aus Leipzig angereist, um heute im Laienorchester die Posaune zu spielen. Das ist eine Fahrt von jeweils sechs Stunden.»

Der Unterschied zwischen Taktieren und Dirigieren

Am Pult nehmen die sechs Kandidaten einer nach dem anderen den Taktstock in die Hand. Vor dem Orchester zu stehen verlangt Präsenz und Körpersprache: Traditionell führt die rechte Hand den Taktstock und gibt Einsätze, Dynamik, Metrik und Tempi vor. Die linke Hand lenkt die Emotionen und Ausdrucksstärke der Musiker.

Die einen bevorzugen eine ausladende Gestik. Andere kommen mit minimalen Bewegungen aus. Sie alle aber lesen eine Partitur so selbstverständlich wie einen Krimi auf der Couch.

Hoch konzentriert: Kandidat im Prüfungsdirigat.

Hoch konzentriert: Kandidat im Prüfungsdirigat.

Bild: Andrea Stalder

Die Zeit vergeht wie im Flug. Mal piano, mal mezzoforte, doch stets konzentriert. «Nehmt euch zurück. Seid zurückhaltend», fordert ein Kandidat das Orchester auf. Die Experten achten auf Hörkontrolle, gestalterischen Akzent und Zielvorgaben. Punkte, die das reine Taktieren vom Dirigieren unterscheiden.

Das Laienorchester ist bei den Prüfungsdirigaten engagiert bei der Sache.

Das Laienorchester ist bei den Prüfungsdirigaten engagiert bei der Sache.

Bild: Andrea Stalder

Die Uhr tickt. Die Zeit im Blick zu behalten, ist die Aufgabe von Musik-Kommissions- Präsident Stefan Roth: «Eine Minute noch!» ruft er in den Saal. Aktuell dreht sich die Aufmerksamkeit um eine stille Passage, die ein weiches Dirigat verlang. Dann ist es ist vollbracht.

«Natürlich bin ich erleichtert», sagt der 22-jährige Silvan Tschopp aus Sulgen. Der Waldhorn-Spieler und seine ganze Familie sind der Musik eng verbunden: «Ich möchte der Blasmusik im Kanton viel zurückgeben. Den ersten Schritt dazu habe ich jetzt geschafft.» Und nicht nur er: Alle sechs Kandidaten haben bestanden.