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Nachts kommt Teheran zur Ruhe

Zwei Romane geben Einblick in das Leben von Frauen in Iran und einer Familie im Asylland Deutschland: Die 35jährige Mojgan Ataollaha, die in Iran lebt, und die 28jährige Shida Bazyar, die in Deutschland aufgewachsen ist.
Erika Achermann
Shida Bazyar Schriftstellerin (Bild: pd)

Shida Bazyar Schriftstellerin (Bild: pd)

«König der Könige» haben sie ihn genannt, den Schah von Persien. Der junge Beshad kämpft für eine Revolution von links. Doch 1979 muss er mit Frau und zwei Kindern aus Iran fliehen, denn nach dem Sturz von Schah Pahlevi sind die Ayatollahs an die Macht gekommen. Diese überwachen mit Spitzeln die Menschen in den Strassen; ein fehlender Bart oder ein verrutschtes Kopftuch kann zum Verhängnis werden.

In einer deutschen Sozialwohnung verfolgt Beshad in den Medien das Schicksal seiner zurückgebliebenen Freunde, die teils verschollen sind, im Gefängnis gefoltert werden.

Nahid weint in der Nacht

Seiner Frau Nahid, einer Literaturwissenschafterin, fällt es schwer, mit deutschen Frauen über Gemüse und saubere Luft zu reden. Über Schönheitsideale und Schminken hingegen diskutiert man heftig auch in Teheran. Aber die Umweltaktivistin Ulla, die Beshads Familie freundschaftlich aufnimmt, ist ungeschminkt. Nahid zitiert Brecht, Tucholsky und die Liebe in den Gedichten von Hafis. Sie weint in der Nacht und möchte nicht, dass ihre Tochter Laleh in Deutschland erwachsen wird.

Shida Bazyar Schriftstellerin (Bild: pd)

Shida Bazyar Schriftstellerin (Bild: pd)

Der Roman der 1988 in Deutschland geborenen Shida Bazyar «Nachts ist es leise in Teheran» beginnt in der deutschen Provinz und beschreibt das Leben einer iranischen Familie. Es sind die Erfahrungen der Autorin und die Erzählungen ihrer Eltern, die in ihren Roman einfliessen. Die vier Kapitel widmet sie Beshad 1979, Nahid 1989, Laleh 1999, Morad 2009 und einen Epilog Tara, der in Deutschland geborenen jüngsten Tochter.

25 Jahre Zeitgeschichte

Damit schreibt Shida Bayar nicht nur die Geschichte von Migration, Demütigung und Assimilation, sondern auch 25 Jahre Zeitgeschichte. Sie blickt auf Deutschland mit den Augen von Iranern und auf Iran mit jenen von Migranten, die ein verändertes Land vorfinden, als sie erstmals wieder in ihre alte Heimat reisen dürfen. Es ist ein bemerkenswerter Erstling, der einfühlsam Einblick gibt in zwei Welten und durch die Perspektiv-Wechsel das Tempo der Geschichte vorantreibt, aber auch einen liebevollen Blick auf aussagekräftige Details wirft.

Teheraner Familienleben

Laleh und ihr Bruder Mo sind jugendliche Migranten, die besser Deutsch sprechen als Persisch und in Deutschland ihren Freundeskreis haben, während die Eltern nicht loslassen können. Auf einer Ferienreise nach Teheran mit Mutter und Bruder quält sich Laleh im Manto (das vorgeschriebene Kleidungsstück für Frauen) und mit Kopftuch durch die Hitze der chaotischen, dreckigen Stadt, die nur nachts zur Ruhe kommt. Immerhin nachts, denn Ayatollah Chomeini liess zu seiner Zeit seine Hasspredigten durch Lautsprecher über die dunklen Dächer Teherans erschallen.

Die Gespräche in der Öffentlichkeit sind leise, wenn es um Wichtiges geht. In geschützten Räumen wird laut gelacht, miteinander gegessen, geredet und findet man die Besucher aus Deutschland «exotisch».

In Deutschland angekommen

Es wird verständlich, weshalb sich Nahid mit persischen Tanten, Onkeln, Cousinen wohler fühlt als im kühlen Asylland, während den Jungen Teheran doch eher fremd bleibt. Die Autorin, die in Berlin lebt, lässt in einem Interview jedoch die Frage offen, ob sie nach Iran zurückkehren möchte. Mo hingegen beschäftigt sich lieber mit dem Liebeskummer seines Freundes Tobi und ist wenig interessiert an den pseudoengagierten Demos der deutschen Mitstudenten. Er ist in Deutschland angekommen.

Mojgan Ataollahi Schriftstellerin (Bild: pd)

Mojgan Ataollahi Schriftstellerin (Bild: pd)

Die Gesetze in Iran sind sexistisch, aber im Privaten gibt es sehr viel mehr selbstbewusste Frauen, als man im Westen ahnt. Mojgan Ataollahi ist eine von ihnen. Sie hat ihre Flucht aus einer höllischen Ehe beschrieben: «Ein leichter Tod». Wann ist ein Tod leicht? Wenn das Leben so unerträglich ist, dass nur der Tod Erleichterung verspricht.

Madjid plagt seine Frau bis aufs Blut. Er ist ein Sadist. Es dauert Jahre, bis sich Mojgan endlich scheiden lassen kann, weil sich eine Frau in Iran gar nicht scheiden lassen darf ohne Einwilligung ihres Gatten. Dass sie auch noch ihre Tochter Matissa behalten kann, grenzt schon an ein Wunder.

Bisher nur auf Deutsch

Mojgans eigene Kindheit ist gezeichnet von Krieg, Gewalt, Angst und zahllosen anderen Übeln. Ataollahi lässt uns an allen schrecklichen Situationen teilhaben. Dennoch entwickelt der Roman, der ganz von den persönlichen Erfahrungen der Autorin zehrt, einen Sog, dem man sich schwer entziehen kann, selbst dann, wenn man die abstossenden Momente umgehen möchte. «Ein leichter Tod» konnte bisher nur auf Deutsch erscheinen, nicht in Iran.

Erfolgreiche Befreiung

Während Shida Bazyars Roman die Augen öffnet für den auch sehr lebhaften, liebevollen Umgang der Iraner in der Familie, bedient Mojgan Ataollahis Roman zunächst die Klischees der unterdrückten Frau im Land der Ayatollahs. Der verzweifelte Versuch von Mojgan, sich mit untauglichen Mitteln umzubringen, ihr fast aussichtsloser Kampf gegen die Bespitzelung durch die Nachbarn, das quälende Gefühl der Schutzlosigkeit, all das macht sie konfus, krank.

Doch je stärker sich die junge Frau, die als Filmcutterin ausgebildet ist, befreit, umso aufschlussreicher ist der Einblick in eine Lebensweise, die wir aus Medienberichten oft nur oberflächlich kennen. In Gesprächen mit christlichen Konvertiten und der tief verschleierten Freundin von Mojgan veranschaulicht sie eine Gesellschaft im Umbruch. «Für eine Frau ist es nötig, die Fenster zu öffnen, damit frische Luft an ihr Gesicht gelangen kann», erkennt Mojgan am Ende ihrer Leidensgeschichte.

Wie wahr!

Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran, Kiepenheuer&Witsch, Köln 2016, 283 S., ca. Fr. 28.- Mojgan Ataollahi: Ein leichter Tod, Residenz Verlag Wien 2015, 182 S., Fr. 22.90

Morning View of the city of Teheran, Iran, Saturday, February 27, 2016. The Swiss President Johann N. Schneider-Ammann attends a three-day-visit to Iran, accompanied by an economic and scientific delegation. (KEYSTONE/Peter Klaunzer) (Bild: PETER KLAUNZER (KEYSTONE))

Morning View of the city of Teheran, Iran, Saturday, February 27, 2016. The Swiss President Johann N. Schneider-Ammann attends a three-day-visit to Iran, accompanied by an economic and scientific delegation. (KEYSTONE/Peter Klaunzer) (Bild: PETER KLAUNZER (KEYSTONE))

People walk in a street in Teheran, Iran, Saturday, February 27, 2016. The Swiss President Johann N. Schneider-Ammann attends a three-day-visit to Iran, accompanied by an economic and scientific delegation. (KEYSTONE/Peter Klaunzer) (Bild: PETER KLAUNZER (KEYSTONE))

People walk in a street in Teheran, Iran, Saturday, February 27, 2016. The Swiss President Johann N. Schneider-Ammann attends a three-day-visit to Iran, accompanied by an economic and scientific delegation. (KEYSTONE/Peter Klaunzer) (Bild: PETER KLAUNZER (KEYSTONE))

Bilder aus der iranischen Hauptstadt Teheran, wo man in der Öffentlichkeit vorsichtig und im privaten Raum sehr vertraut ist. (Bilder: ky/Peter Klaunzer, ap/Ebrahim Noroozi, epa/Abedin Taherkenareh)

Bilder aus der iranischen Hauptstadt Teheran, wo man in der Öffentlichkeit vorsichtig und im privaten Raum sehr vertraut ist. (Bilder: ky/Peter Klaunzer, ap/Ebrahim Noroozi, epa/Abedin Taherkenareh)

epa04178605 Iranian girls enjoy the city of Damvand, northeast Iran, 24 April 2014. Many Iranians prefer to enjoy the weekends outside the capital Teheran and travel to cities as Damvand, where warm temperatures around the 25 degrees Celsius are forecasted. EPA/ABEDIN TAHERKENAREH (Bild: ABEDIN TAHERKENAREH (EPA))

epa04178605 Iranian girls enjoy the city of Damvand, northeast Iran, 24 April 2014. Many Iranians prefer to enjoy the weekends outside the capital Teheran and travel to cities as Damvand, where warm temperatures around the 25 degrees Celsius are forecasted. EPA/ABEDIN TAHERKENAREH (Bild: ABEDIN TAHERKENAREH (EPA))

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