«Nachts betrachte ich meine Bilder»

SVP-Chefstratege Christoph Blocher präsentiert seine hochkarätige Kunstsammlung im Museum Oskar Reinhart zum ersten Mal in einer Ausstellung. Grossartige Werke von Hodler, Vallotton und Dietrich lohnen einen Besuch in Winterthur auch für politisch Andersdenkende.

Christina Genova
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Adolf Dietrichs aussergewöhnlicher «Blick vom Hohen Kasten auf das Rheintal» von 1925 ist zum ersten Mal in einer Ausstellung zu sehen. (Bild: pd/SIK-ISEA, Zürich)

Adolf Dietrichs aussergewöhnlicher «Blick vom Hohen Kasten auf das Rheintal» von 1925 ist zum ersten Mal in einer Ausstellung zu sehen. (Bild: pd/SIK-ISEA, Zürich)

WINTERTHUR. Am 25. August 1869 stirbt Frank Adolf Rudolf Anker, genannt Ruedi, im Alter von zwei Jahren an Pseudokrupp. Albert Anker malt sein blondes, pausbackiges Söhnchen auf dem Totenbett. Der Gesichtsausdruck des in ein weisses Hemdchen gekleideten Kindes ist friedlich. In den nassen Malgrund kritzelt Anker die Worte: «Der liebe, liebe Ruedeli». Danach kann der Maler vor Schmerz mehrere Wochen lang nicht mehr arbeiten.

Keine Steuergelder

Das Gemälde «Ruedi Anker auf dem Totenbett» gehört zu den bewegendsten Exponaten der Ausstellung «Hodler, Anker, Giacometti – Meisterwerke aus der Sammlung Blocher». Es ist eines der zahlreichen Gemälde, für die es sich lohnt, nach Winterthur ins Museum Oskar Reinhart zu fahren, auch wenn man das Heu nicht auf derselben politischen Bühne hat wie der alt Bundesrat.

«Christoph Blocher besitzt die bedeutendste private Sammlung von Schweizer Kunst um 1900», sagt Marc Fehlmann, der Direktor des Museums Oskar Reinhart. Ihm ist der Coup gelungen, zum ersten Mal die Sammlung Blochers in einer eigenen Ausstellung zu präsentieren: «Das ist keine intellektuelle Ausstellung, sondern eine fürs Gemüt», sagt Fehlmann.

Wie es sich für einen Politiker nationalkonservativer Gesinnung gehört, floss in Ausstellung und Katalog kein Rappen Steuergelder, sondern beides wurde ausschliesslich durch Drittmittel und Sponsoren finanziert. Im Widerspruch zur politischen Überzeugung steht hingegen die Tatsache, dass der Katalog bei einem deutschen Verlag erschienen ist: «Die Druckkosten eines Schweizer Verlages konnten wir uns nicht leisten», sagt Fehlmann.

Nur Schweizer Kunst

Christoph Blocher gibt sich bezüglich seiner Sammlung bescheiden: «Erst vor einem Jahr wurden mir die Augen geöffnet, dass ich eine Sammlung habe. Es gibt kein Konzept. Ich habe einfach Werke gekauft, die mir gefallen.» Doch selbstverständlich hat Blocher seine Sammlung sehr wohl nach bestimmten Kriterien aufgebaut. Er sammelt ausschliesslich Schweizer Kunst aus der Zeit um 1900. Vertreter der Avantgarde sucht man vergeblich. Ferdinand Hodler und vor allem Albert Anker sind Christoph Blochers Lieblinge, von letzterem besitzt er gar die grösste Sammlung überhaupt. Auch eine schöne Auswahl von Werken Giovanni Giacomettis und Adolf Dietrichs befinden sich in Blochers Besitz und einzelne Werke von Max Buri, Giovanni Segantini, Robert Zünd oder Félix Vallotton.

Weder beschönigt noch beklagt

Albert Anker und Christoph Blocher verbindet die Herkunft: Beide stammen aus einem ländlich-protestantischen Milieu. Ankers Weltsicht, wie sie sich in seinen Gemälden darstellt, erweist sich als bestens kompatibel mit derjenigen Blochers. Anker malt das ländliche Schweizer Alltagsleben Ende des 19. Jahrhunderts. Die Industrialisierung hat darauf noch nicht Einzug gehalten. Der Künstler beschönigt zwar nichts, stellt aber die herrschenden Verhältnisse nicht in Frage. Realistisch und mit malerischer Virtuosität malt er auf einem seiner Hauptwerke, «Der Schulspaziergang», eine Schulklasse mit ihrer Lehrerin; die ärmeren Kinder tragen keine Schuhe. Bei dieser wie auch bei allen anderen der zahlreichen Kinderdarstellungen Albert Ankers berührt, wie viel Ausdruck und Individualität er jedem einzelnen Kind verleiht. Von Hodler besitzt Blocher vor allem Landschaften, die figürlichen Darstellungen seien ihm meist zu heroisch. Besonders bemerkenswert ist das Gemälde «Eiger, Mönch und Jungfrau über dem Nebelmeer» von 1908. Grossartig, wie Hodler nur die Gipfel der drei Berge aus dem grauen Nebelmeer ragen lässt. Ausserordentlich ist auch Adolf Dietrichs Landschaftsansicht «Blick vom Hohen Kasten auf das Rheintal», die noch nie in einer Ausstellung zu sehen war. Der Künstler, der seinen Wohn- und Arbeitsort Berlingen äusserst selten verliess, hat 1925 den Hohen Kasten erklommen und aufgrund von Skizzen das Rheintal als eine grafisch abstrahierte, monochrome Landschaft dargestellt, zweigeteilt durch den hellen Streifen des Rheins.

Christoph Blocher sieht seine Bilder nicht als Wertanlage, sondern er lebt mit ihnen. Oliver Prange, dem Chefredaktor der Kulturzeitschrift «Du», gesteht er gar: « Ich stehe oft in der Nacht auf und betrachte die Bilder. Die Farben, die Konturen, den Ausdruck, die Symbolik.»

Bis 31.1.16; Rahmenprogramm unter museumoskarreinhart.ch. Katalog 48.– Fr.; Du-Sonderheft 20.– Fr.

Ankers «Bildnis eines Mädchens» hängt in Blochers Esszimmer. (Bild: pd/SIK-ISEA, Zürich (Philipp Hitz))

Ankers «Bildnis eines Mädchens» hängt in Blochers Esszimmer. (Bild: pd/SIK-ISEA, Zürich (Philipp Hitz))