Er findet überall Spannendes: Wir trafen Schriftsteller Franz Hohler am Bahnhof Oerlikon

Keiner staunt so hintersinnig wie er, keiner entdeckt im Alltäglichen so leicht das Absurde wie das Menschliche, die uns verbinden. Am Montag erscheint Franz Hohlers neuer Prosaband «Fahrplanmässiger Aufenthalt». Wir trafen ihn auf dem Perron.

Bettina Kugler
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«GA» und «Postauto» zählen zu Franz Hohlers zehn deutschen Lieblingswörtern. Sein Roman «Gleis 4» wird auch in Sibirien gelesen.

«GA» und «Postauto» zählen zu Franz Hohlers zehn deutschen Lieblingswörtern. Sein Roman «Gleis 4» wird auch in Sibirien gelesen.

Bild: Chris Iseli (Oerlikon, 17. Februar 2020)

Es fehlt an nichts im Souterrain unter den Gleisen. Da ist die Bäckerei mit Stehcafé, die schon frühmorgens Pendler und Reisende verpflegt. Wer nicht gut sieht, kann schnell beim Optiker vorbeigehen. Das öffentliche WC ist nicht gerade eine Wellnessoase, aber okay. Selbst einen Rausch antrinken kann man sich an diesem Bahnhof als echter Kosmopolit: Eine Spirituosenkette bietet Schnaps und mehr aus aller Herren Ländern. Literaturaffin ist Oerlikon obendrein. Ein blaues Schild in der Unterführung weist in Richtung Max-Frisch-Platz. Und Gleis 4 kennt man sogar in Krasnojarsk, Sibirien: aus dem ins Russische übersetzten gleichnamigen Roman von Franz Hohler.

Am Bahnhof Tuttlingen ist morgens tote Hose

Fünfzehn Minuten Wartezeit werden nicht lang in Oerlikon. Anders als auf Bahnhöfen in der süddeutschen Provinz, an denen Hohler als Lesereisender in den letzten Jahren um- oder zugestiegen ist. Tuttlingen etwa oder Albstadt; Sigmaringen morgens um sieben: tote Hose. Der Wartebereich geschlossen, der Nachtclub AlfonsX öffnet um zehn, die Spielhalle, Zutritt ab 18, auch. Kein Kaffee in Sicht, nicht einmal einer «to go». Mutige passieren die Gitterdrehtür zum WC in den Katakomben des Bahnhofs. Belesene denken vermutlich an die Schrift über Dantes Höllentor: Lasst alle Hoffnung, die ihr eintretet.

Franz Hohler hat sich das menschliche Bedürfnis an jenem Morgen in Tuttlingen verkniffen, stattdessen auf einem Plastikhocker vor dem Bahnhof den mitge­brachten Apfel gefrühstückt und Tolstoi gelesen. Zu Hause in Oerlikon dann eine Geschichte geschrieben über die schwäbische Odyssee mit Welt­literatur im Handgepäck. «Kreutzer­sonate» ist eine von vierzig Alltags- und Reisebetrachtungen, die jetzt im Prosaband «Fahrplanmässiger Aufenthalt» erscheinen.

Die Welt da draussen – und die andere, die im Kopf entsteht

Wie zuletzt in «Ein Feuer im Garten» (2015) hat Hohler Beobachtungen und kleine Begebenheiten festgehalten: Erstaunliches und Skurriles, das sich zwischen Haustür und Bahnhof auftun kann, bei einem kurzen Abendspaziergang zum nächsten Postkasten oder am anderen Ende der Welt, in Kenia, Usbekistan oder Appenzell. Bei einer Führung durchs grösste Data-Center der Schweiz, auf einer einsamen Wanderung zum entlegensten Bergsee oder bei einem Zwischenhalt irgendwo in der deutschen Provinz. Immer kommt ihm da die Welt entgegen, und immer setzt sich Franz Hohler zu ihr in Beziehung. Oder er verbindet die sichtbare Wirklichkeit mit der zweiten, die in seinem Kopf entsteht.

Wacher und nachdenklicher Blick – so kennt man den Schriftsteller Franz Hohler.

Wacher und nachdenklicher Blick – so kennt man den Schriftsteller Franz Hohler.

Bild: Getty Images

Verabredet sind wir an der Treppe bei Gleis 1. Gerade erzähle ich meinem Kollegen von «Dichterleben», dem letzten Text des Buchs, in dem Hohler sich daran erinnert, wie ihn ein Mann am Kreuzplatz in Zürich erkennt und unbefangen anspricht («Ich ha gar nöd gwüsst, dass Sie no läbed!»). Da erscheint er auch schon, pünktlich wie die SBB: Franz der Grosse, lebender Dichter, gerade 77 Jahre geworden. Im langen Regenmantel, den er gerne in Krasnojarsk gekauft hätte, bei einem Warenhauspatron mit Pelzmütze. Doch in Sibirien gab es nur kurze Her­renmäntel – wie überall, wo die globalen Labels vorschreiben, was man zu ­tragen hat. Wohin er auch reist, Boss, Gucci und ihre Boutiquen sind immer schon da.

Vogelfreund Hohler trauert einer toten Jungamsel nach

«Eine Fratze der Globalisierung» wird Hohler das später nennen, als wir in seinem Arbeitszimmer sitzen, in jenem Backsteinhaus wenige Gehminuten vom Bahnhof entfernt, in dem er seit über vierzig Jahren lebt. Über dem Schreibtisch hängt ein handbeschriebenes Blatt, darauf ein Wort in Grossbuchstaben, «Geduld!» – Dazu muss er sich selbst erziehen. Unterwegs fällt es ihm leichter als am Schreibtisch, das hört man heraus, wenn er von Verspätungen und Pannen, selbst in der sonst so zuverlässigen Schweiz, erzählt. Im Grund sind sie Glücksfälle: Störmanöver des Zufalls, Stoff für Geschichten.

Manchmal ereignen sie sich direkt vor der Nase. «Plötzlicher Kindstod» zum Beispiel beginnt harmlos auf der Birke vor dem Haus, auf der morgens und abends eine talentierte Amsel ihr Revier verteidigt. Wenn der Menschen- und Vogelfreund Hohler einer Jungamsel nachtrauert, die im vorwitzigen Flug die Balkontür gerammt hat, aber vielleicht später besonders schön gesungen hätte, ist das nicht larmoyant – sondern warmherzig. In solchen Dingen ist er kindlicher als seine Enkelin, die sagen würde: «Das gehört halt zur Natur.»

Autor Franz Hohler besitzt zu Hause Tausende Bücher.

Autor Franz Hohler besitzt zu Hause Tausende Bücher.

Bild: Keystone

Das Spannende am Älterwerden: Miterleben, wie sich Dinge ändern

Der lange Mantel hängt unterdessen zum Trocknen an der Garderobe; Hohler hat ihn von einem Freund übernommen. Er stammt aus Zeiten, als hierzulande und anderswo Mäntel noch über die Knie fallen durften. Dabei ist Franz Hohler keineswegs ein Nostalgiker, überzeugt davon, dass früher alles besser war. Mag er auch mit den Jahren «Allmählichkeitsschäden» davongetragen haben (solche im Alltag auftauchenden Wörter liebt er), so versinkt er doch nicht in Schwermut. Er blickt nach vorn, auf den immer kürzeren Weg, der vor ihm liegt. Bleibt neugierig.

«Das ist das Spannende am Älterwerden»

, sagt er,

«dass man sieht und miterlebt, wie die Dinge sich ändern. Dass man weiss, es ging auch mal anders.»

So erinnert er sich noch an die Anzeigetafel am Bahnhof seiner Heimatstadt Olten, die früher von Hand eingestellt wurde. An die alte Schreibmaschine, die ihm sein Vater vererbte; der wiederum hatte sie vom Schwiegervater bekommen. Inzwischen hat Hohler sie dem Literaturarchiv geschenkt, nur im Tessin benutzt er noch eine Hermes Baby. Seine Texte schreibt er auf dem Laptop; neuerdings hat er sogar ein Smartphone. An der Kurzlebigkeit der Geräte, der rasanten Entwicklung sehe man unbarmherzig, wie alt man sei, sagt er. Tapfer bewegt er sich weiter voran im digitalen Labyrinth.

Zu Hause in Sibirien grüsst ihn ein schweizerisches Postauto

Oder er lässt sich auf seinen kurzen Fusswegen und längeren Bahnfahrten von Denkwürdigem überraschen: Davon erzählt er in gewohnt lakonischer Manier in «Fahrplanmässiger Aufenthalt». Da bleibt etwa in der Titelgeschichte sein Regionalzug irgendwo in der bayrischen Pampa stehen, ohne ersichtlichen Grund. Hohler steigt aus, wieder einmal steht er an einem öden, verwaisten Bahnhof und entdeckt etwas abseits eine kleine Tafel, die an KZ-Häftlinge auf dem Todesmarsch nach Dachau erinnert. Heil war die Welt noch nie für genaue Beobachter.

Freuen kann sich Franz Hohler mindestens ebenso gut. Etwa, wenn ihm in Krasnojarsk auf der Friedensstrasse ein Bus der Linie 36 entgegenkommt: ein schweizerisches Postauto, «gelb und heimelig, mit dem Wappen von Bern, Fribourg und Solothurn», Luftlinie 9000 Kilometer entfernt von der kleinen Schweiz, seiner Heimat. Ein pathetisches Wort, doch Hohler mag es trotzdem, wenn es das Gefühl von Zugehörigkeit ausdrückt: zu einem Ort, der sich entwickeln und verändern darf.

«Ich versuche, diese Heimat immer als etwas Neues und Unvertrautes anzuschauen. Als ein Gelände, in dem man auf Unerwartetes trifft.»

Meistens passiert es mitten im Alltag.

Franz Hohler
Fahrplanmässiger Aufenthalt
Erzählungen
Luchterhand
112 Seiten

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