Nachruf
«Und jeder fragte: Ist das ein Wunder?» Edita Gruberova war eine der aussergewöhnlichsten Sopranistinnen

Am Montag ist Edita Gruberova, eine der besten Sopranistinnen der letzten 50 Jahre, gestorben. Der Nachruf auf die begnadete Opernsängerin.

Christian Berzins
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Die Unfehlbare: Edita Gruberova in Bellinis «Beatrice di Tenda» am Opernhaus Zürich im Jahr 2001.

Die Unfehlbare: Edita Gruberova in Bellinis «Beatrice di Tenda» am Opernhaus Zürich im Jahr 2001.

Suzanne Schwiertz / Opernhaus Zürich

Öffnete Edita Gruberova auf einer Opernbühne den Mund, flogen die Töne von einem seidenen Teppich getragen los, umkreisten den Erdball, stiegen auf zu den Sternen und kamen um tausend zauberhafte Köstlichkeiten bereichert sogleich zurück ins Haus, hinein in die Ohren, die Herzen und Seelen des Publikums. Kein noch so lauter Jubel, kein noch so grosser Rosenregen konnte Antwort auf diesen Gesang sein. Zu schweigen, war aber auch keine Lösung. Edita Gruberova war das grösste Stimmphänomen der letzten 50 Opernjahre.

Ob sie Angst habe, diese wahnsinnigen Partien zu singen, fragte ich die Sopranistin vor 13 Jahren. Sie schaute mich verwundert an und sagte in ihrem deutsch-slowakischen Singsang: «Nein, ich habe Angst vor Erdbeben, aber nicht vor dem Singen.» Und so tönte sie oder vielleicht besser «es».

In der Intonation war sie unfehlbar, ihre Spitzentöne waren mehr üppig als scharf. Sie beherrschte die Fähigkeit des Crescendierens und Diminuierens, des Laut- und Leisewerdens, auf einem Ton nicht nur perfekt, sie konnte dabei auch die Farbe und somit Charakter eines Tones verändern. Ebenso verfuhr sie mit Tonfolgen, Linien oder Trillerketten: Keine Phrase, die riss.

Wenn sie von einer Tonhöhe in die nächste glitt, dann mit einer Leichtigkeit, die andere nicht einmal fertig bringen, wenn sie eine simple Quart singen. Emotion entstand bei Gruberova aus gesangstechnischen Kabinettstückchen: Sei es, dass sie einen Klagelaut ins kaum mehr zu hörende Pianissimo drehte oder einen Schluchzer in einen Spitzenton gleiten liess. Bei Gruberova pflegten die Silben ein himmlisches Dasein, gesäubert von allem erdenhaft Hässlichen.

Das Opernhaus Zürich war für sie ein Ideal, in Zollikon hatte sie lange gelebt, dort ist sie am Montag gestorben. 53 Jahre früher hatte sie in der Rolle der Rosina im «Barbiere di Siviglia» ihr Operndebüt in Bratislava gegeben. Als sie in Zürich im Juni 1993 die Zerbinetta in «Ariadne auf Naxos» sang und 12 Minuten lang durch die Koloraturen raste, bebte das Haus jeweils. Einige Jahre früher hatte sie dort Mozartrollen gesungen. Dann, ab dem 18.12. 1989, die unvergessliche «Lucia di Lammermoor». In der Folge beschäftigte sich Gruberova vor allem mit den Heldinnen Donizettis und Bellinis, mit Königinnen und Wahnsinnigen, mit Werken, an die sich kaum eine andere getraute. Die Schatten der Vergangenheit, der Callas und der Sutherland, waren nach wie vor zu gross.

Gruberova aber umging diese Felsen, stellte ihnen eine neue Kunstverfeinerung gegenüber. Daher rührte die ewige Kritik, bei ihr sei alles zu manieriert, es fehle ihrer Stimme an Dramatik. Sie stand darüber und sagte: «Meine Kunst ist für Menschen gemacht, die gut entwickelte Antennen haben. Meine Stimme ist sehr fein. Populäres ist laut und vulgär. Ich lebe jede Koloratur vom ersten Ton an. Die Schule des Belcantos ist verloren gegangen. Es gibt Koloratursängerinnen, die zum Beispiel keinen Triller beherrschen. Heute ist es viel zu oft Brüllen und Schreien.»

Wenn Edita Gruberova gesund war, schritt sie gelassen um 19.01 Uhr auf die Bühne, die Oper konnte noch so schwierig sein. Gruberova wusste ganz genau, was sie in welcher Sekunde wie singen würde, wusste, dass es gut werden würde, denn ihr Gesang kam aus dem Kopf, nicht aus dem Bauch, ging aber ins Herz: «Ich weiss, was ich mache, habe somit auch nie kalte oder feuchte Hände. Bei vielen Kollegen fühle ich diese Nervosität sogar am Ende der Vorstellungen. Da frage ich mich schon, wie die gesungen haben. Das muss eine Qual sein – aber qualvoll darf Musik nicht sein.»

Sie war die erste und die letzte Vertreterin des einzigartigen Stimmfachs «Gruberova». Kein Wunder, nervte sie sich ab und zu wegen ihrer Bühnenpartner, die nur halb so gut wie sie waren. Einst wollte sie deswegen mitten in einer Vorstellung die Bühne der Wiener Staatsoper verlassen. «Ich bin nicht bereit, den Karren alleine zu ziehen», sagte sie. Gruberova tat es innerlich weh, wenn die Besetzung nicht adäquat war. «Musik ist ja mitunter ein Heilmittel, dessen wir uns bedienen können. Ich gebe mit dem Gesang Gefühle preis, die ich verbal nicht preisgeben kann – auch sehr abgründige. Wenn aber neben mir einer brüllt – noch dazu einen halben Ton zu tief –, dann wird meine Welt durcheinandergebracht und gestört», so Gruberova.

Sie wurde älter, die Tenöre lauter, Gruberova aber blieb unvergleichlich. Das hatte einen Grund. 2006 – mit 60 – hatte die Unfehlbare eine neue Technik erlernt, die es ihr nach eigenen Aussagen erlaubte, noch besser zu sein als je zuvor. Und siehe da, die Gruberova sang weiter und weiter. «Und jeder fragt: ‹Ist das ein Wunder?› Es ist aber überhaupt kein Wunder, es ist eine Erkenntnis. Ich muss besser sein als die anderen, als jene, die ich schon längst überlebt habe. Davon gibt es einige - auch solche, die grosse Stars waren.»

Diese Aussagen zeigten, dass hinter dem scheinbar immer leicht gelangweilten Gesicht ein unglaublicher Wille steckte, die Beste zu sein und zu bleiben. Dieser Wille hatte sie schon in den Galeerenjahren damals in den 1970er-Jahren an der Wiener Staatsoper angetrieben. Gruberova blieb Gruberova bis zum Schluss bei ihrer Abschiedsvorstellung im März 2019 in München mit Donizettis «Roberto Devereux». Ein Wackler da, eine Unebenheit dort – und 100'000 schönste Unglaublichkeiten.

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