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Nachruf Rea Brändle: Sie ging dem Fremden in unserer Gesellschaft auf den Grund

Die Toggenburger Schriftstellerin, Historikerin und Journalistin Rea Brändle hat in ihrem Buch «Wildfremd, hautnah» akribisch beschämenden Rassismus aufgearbeitet - und ein bleibendes Referenzwerk zur kolonialen Schweizer Sozialgeschichte geschrieben. Mit ihrem Tod verliert die Ostschweiz eine wichtige Stimme historischer Selbstreflexion.
Hansruedi Kugler

«Indien auf dem Brühl, Marokko an der Multergasse» – mit diesem Vortrag hätte Rea Brändle kommende Woche in St.Gallen über jenes Thema sprechen wollen, das sie seit dreissig Jahren nicht mehr los gelassen hat: Völkerschauen.

Die Zurschaustellung «exotischer» Menschen war bis weit ins 20. Jahrhundert hinein auch in Schweizer Städten ein zweifelhaftes Massenvergnügen. Indianer im Zirkus, Senegalesen im Zoo – die 1953 im Toggenburg geborene Literaturwissenschafterin und Historikerin Rea Brändle hat 1995 in ihrem Buch «Wildfremd, hautnah» dieses verdrängte Kapitel eines beschämenden Rassismus mit akribischer Recherche aufgearbeitet.

2013 veröffentlichte sie eine deutlich erweiterte Auflage. Sie hat damit eines der bleibenden Referenzwerke zur kolonialen und postkolonialen Schweizer Sozialgeschichte geschrieben. Und 2007 hat sie mit «Nayo Bruce» die Geschichte einer afrikanischen Grossfamilie nachgezeichnet, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts als fahrende «Togo-Karawane» Europa als exotische Attraktion fast zwanzig Jahre auf Tournee war.

Nicht nur in diesen Büchern verband Rea Brändle genaue Recherche und unaufdringliche Aufklärung mit Anschaulichkeit, menschenfreundlicher Herangehensweise und erzählerischer Eleganz. Nach ihrem Germanistikstudium hatte sie einige Jahre als Kulturredaktorin beim «Tages-Anzeiger» gearbeitet, bevor sie sich als Buchautorin selbstständig gemacht hat. Viele Jahre schrieb sie zudem journalistisch für die «Wochenzeitung».

Ihrer Heimat Toggenburg blieb sie kritisch loyal verbunden

Seit über vierzig Jahren in Zürich wohnend blieb sie ihrer Heimat, dem Toggenburg, in kritischer Loyalität verbunden, schrieb etwa mit humorvoller Note und feministischem Blick über Ulrich Bräker und seine Frau Salome, widmete sich dem genialen Instrumentenbauer Ulrich Ammann aus Alt St.Johann, der um 1800 mit seinen Stockflöten berühmt geworden war, verfasste ein Theaterstück über den vom Bauhaus inspirierten, modernistischen Lichtensteiger Designer Traugott Stauss und schrieb im Jubiläumsbuch über den Wattwiler Textilkonzern Heberlein ein Kapitel über Niedergang und Arbeitskämpfe. Seit der Gründung des regionalen Kulturfördervereins Kultur Toggenburg 2011 war Rea Brändle zudem in dessen Vorstand aktiv.

Rea Brändle (1953-2019), Schriftstellerin, Historikerin, Journalistin. (Bild: PD)

Rea Brändle (1953-2019), Schriftstellerin, Historikerin, Journalistin. (Bild: PD)

Mit ihrem Buch «Johannes Seluner. Findling», das 2016 in erweiterter Neuauflage erschien, gelang ihr nach «Wildfremd, hautnah» ein weiterer Klassiker. Wilde Legenden hatten sich im Toggenburg über den 1844 auf der Alp Selun im oberen Toggenburg aufgefundenen, stummen und verwilderten Knaben verbreitet. Spekulationen über eine adlige Herkunft und seine behauptete unzähmbare Wildheit hatten ihn zu einem Objekt der Schaulust gemacht. Seine Herkunft wurde nie geklärt.

Rea Brändle fand in ihren Recherchen dann jedoch einen von bedrückendem Alltag gezeichneten weiteren Lebensweg. Bis zu seinem Tod 1889 lebte der Seluner im Armenhaus, von den Behörden als blosser Kostenfaktor und von der Wissenschaft als nützlicher Idiot betrachtet. Rea Brändles Buch bleibt ein eindrückliches und einfühlsames sozialgeschichtliches Zeugnis.

Erforschung des Thurgauer Bauerndichters Alfred Huggenberger

Mit einem Auftrag der Thurgauer Regierung widmete sie sich zusammen mit dem Historiker Mario König dem mit seinen rückwärtsgewandten Heimat­romanen erfolgreichen Thurgauer Bauerndichter Alfred Huggenberger, der von 1867 bis 1960 lebte. Dessen vermutete Nähe zum Nationalsozialismus hatte die SBB 2006 abgehalten, ihn mit einem Schriftzug auf einem Intercity-Zug zu ehren.

Rea Brändles Werkbiografie rückte einiges zurecht: Trotz Auszeichnungen in Nazi-­Deutschland sei keine naziverherrlichende Äusserung von Huggenberger zu finden. Der Dichter habe die Bedrohung zwar nur von links gesehen, sei aber ansonsten unpolitisch, opportunistisch und geschäftstüchtig gewesen, so das Fazit.

Rea Brändle wird die angekündigten Vorträge in diesem Monat über Völkerschauen in der Stadt St.Gallen nicht mehr halten können. Sie ist am 2.September nach langer Krankheit erst 66-jährig in Zürich gestorben. Mit ihr verliert die Ostschweiz eine wichtige Stimme historischer Selbstreflexion.

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