Nachruf
Nimmersatt an Farben: Eric Carle, Schöpfer der «Raupe Nimmersatt», ist tot – doch seine Bücher leben weiter

Millionen Kinder und Eltern weltweit kennen Eric Carles Bilderbuch «Die kleine Raupe Nimmersatt». Weniger bekannt ist, dass der 1929 in Syracuse geborene Amerikaner schwäbische Wurzeln hat und seine prägenden Jahre im düsteren Nazi-Deutschland erlebte.

Bettina Kugler
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Der Künstler und Kinderbuchautor Eric Carle 2008 vor seiner Raupe Nimmersatt. Noch im hohen Alter veröffentlichte er neue Bilderbücher.

Der Künstler und Kinderbuchautor Eric Carle 2008 vor seiner Raupe Nimmersatt. Noch im hohen Alter veröffentlichte er neue Bilderbücher.

Bild: Richard Drew / AP

Ein kleines Ei auf einem grossen Blatt, nachts im Mondschein - so zart und winzig beginnt diese einzigartige, weithin strahlende Erfolgsgeschichte. Ein Weltbestseller, ein grandioser Entwicklungsroman für kleinste Leser, erschienen 1969, seither in über 40 Sprachen übersetzt: Eric Carles Bilderbuch «Die kleine Raupe Nimmersatt». Wie alle Bücher des 1929 in Syracuse im US-Bundesstaat New York geborenen, am vergangenen Sonntag 91-jährig verstorbenen Künstlers sättigt es hungrige Augen mit einem Festschmaus an Farben.

Grün natürlich, in allen Schattierungen. Aber nicht nur. Schliesslich wird sich die Raupe am Ende als regenbogenbunter Schmetterling entpuppen - nach einer hemmungslosen Fressorgie, während der mitblätternde Kinder ganz nebenbei das Zählen, die Wochentage und eine Reihe sehr gesunder Früchte kennenlernen. Belehrt werden sie allerdings nicht, für Eric Carle stand die Freude an der Geschichte und ihrer Gestaltung im Vordergrund, wie er in einem Radiointerview betonte:

«Ich war vor einigen Jahren in Japan und die reden dauernd nur von den erzieherischen Werten, die sind wohl drin, aber die sind erstens getarnt und sollen nicht im Vordergrund stehen.»

Stattdessen liest man «Die kleine Raupe Nimmersatt» gern mit den Fingerspitzen. Die in die Seiten eingestanzten Löcher, die das hungrige Tierchen in Apfel und Birnen, Zwetschgen und Beeren hinterlassen hat, legen es darauf an. Doch die kleine Raupe schreckt vor Unwiderstehlichem nicht zurück; lustvoll vertilgt sie Junkfood von Lolli bis Würstchen. Zum Grosswerden gehört eben auch Bauchweh.

Carles berühmter grüner Vielfrass: die Raupe Nimmersatt. Das Buch erschien erstmals 1969.

Carles berühmter grüner Vielfrass: die Raupe Nimmersatt. Das Buch erschien erstmals 1969.

S.bodmann / Aargauer Zeitung

Eric Carle wusste das nur allzu gut, denn seine eigene glückliche Kindheit war 1935 abrupt zu Ende. Die Eltern, als junges Paar nach Amerika ausgewandert, verspürten Heimweh nach Deutschland und kehrten mit dem Sechsjährigen zurück in ihre Heimatstadt Stuttgart. So erlebte der zeichnerisch hochbegabte Eric eine bedrückende Schulzeit in den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur, geprägt von strenger Disziplin und körperlicher Züchtigung.

Ein ewiges Grau, in unendlich vielen Facetten der Dumpfheit, des Grauens, Einziger Lichtblick war ein Lehrer der Oberschule, der Eric Werke der sogenannten «Entarteten Kunst» zugänglich machte, heimlich und unter Lebensgefahr.

Ein gebürtiger Amerikaner - mit schwäbisch gefärbtem Hochdeutsch

Bis zum Abschluss des Studiums an der Stuttgarter Kunstakademie harrte Eric Carle aus, doch kaum einen Tag länger. 1952 ging er zurück nach Amerika, mit vierzig Dollar in der Tasche: So erzählte es der Künstler vor zwei Jahren in einem grossen Interview anlässlich seines 90. Geburtstags. Aus den trüben Stuttgarter Jahren blieb Carle bis ans Lebensende das schwäbisch gefärbte, ansonsten makellos fliessende Deutsch als zweite Muttersprache. Ebenso lässt sich sein schier unersättlicher, anhaltender Farbhunger mit den Entbehrungen der Jugendzeit erklären:

«Die Städte waren ja getarnt: Da gab’s Grüngrau, Graugrau, Braungrau, alles war Grau. Auch die Menschen. Und teilweise hat Mitteleuropa auch viel graues Wetter. Heute geht es mir darum, das Grau zu verdrängen, also ich mag Farben, je farbiger je besser.»

Seine expressive Farbigkeit setzte Eric Carle zunächst als junger Zeitungs- und Werbegrafiker in New York ein, wie andere spätere Bilderbuchkünstler: Tomi Ungerer, Maurice Sendak, Leo Lionni, der ihn bei der «New York Times» unterbrachte.

Inspiriert von Künstlern wie Matisse und Picasso

Die leuchtenden Seidenpapiere für seine Collagen stellte Carle selbst her, mit Acrylfarben, meist während der Sommermonate. Ohne bereits an Geschichten zu denken, die nach und nach daraus entstanden sind: insgesamt rund siebzig Bücher. Auf das jeweils letzte und allerletzte folgte zuverlässig ein weiteres, Titel wie «Der kleine Käfer Immerfrech», «Die kleine Spinne spinnt und schweigt» oder «10 kleine Gummienten»: Bücher, die eine tiefe Liebe zur Natur und zur genauen Naturbetrachtung bezeugen, in der Collagetechnik von Matisse und Picasso inspiriert sind und Kunst in Kinderzimmer und Krabbelgruppen gebracht haben.

Viel verband Eric Carle mit dem einstigen Kollegen Leo Lionni, Schöpfer der Maus Frederick, die, statt emsig Vorräte anzuhäufen, Sonnenstrahlen sammelt - und Farben. Eric Carle gelang zeitlebens beides. Damit hat er Millionen Räuplein weltweit für den freien Flug als Schmetterling genährt.