NACHRUF: Nichts stand über der Kunst

Ende Februar starb in Paris die Appenzeller Künstlerin Roswitha Doerig im Alter von 87 Jahren. Als junge Frau hatte sie sich gegen den Widerstand ihrer Familie für die Kunst und fürs Ausland entschieden.

Brigitte Schmid-Gugler
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Die Künstlerin Roswitha Doerig vor vier Jahren in ihrem Haus auf dem Hirschberg. (Bild: Coralie Wenger)

Die Künstlerin Roswitha Doerig vor vier Jahren in ihrem Haus auf dem Hirschberg. (Bild: Coralie Wenger)

Brigitte Schmid-Gugler

brigitte.schmid@tagblatt.ch

Sie liebte Blumen. Üppige, bunte Sträusse. Und noch in den letzten Wochen vor ihrem Tod hatte sie starken und mutigen Frauen in ihrer Appenzeller Heimat welche schicken lassen. Vielleicht in der Ahnung, dass sie die alten Bekannten nie mehr würde sehen können. Vielleicht auch in der Hoffnung, ihr Ende damit noch einmal aufschieben und zurückkehren zu dürfen zu den zahlreichen Projekten, die sie noch hatte. Noch einmal eine Chance zu bekommen wie damals, als sie als junge Frau und später erneut nur knapp dem Tod entronnen war. Das erste Mal war sie in Amerika medizinisch falsch behandelt worden. Ein Onkel in Appenzell verstand sich aufs Gebetsheilen – «Hitz ond Brand», wie es von den Einheimischen genannt wird. Roswitha, damals 26 Jahre alt, wurde wieder gesund.

Aus der persönlichen Begegnung im Januar 2016, aus allen Anekdoten, Rückblicken und Rezensionen, die man über die Künstlerin hört und liest, spürt man heraus: diese Frau war aussergewöhnlich. Kämpferisch. Kompromisslos. «Sie war eine an vielen Dingen und Themen interessierte Mutter, die viel las und schrieb. Sie hätte durchaus mit ihrer Unerbittlichkeit und Energie ein zweites Leben füllen ­können», sagt ihre Tochter Maidonneli Bantle und zeigt der Besucherin im Steinegger Wohnquartier ein Bild vom reichen ­Blumenschmuck am Sarg ihrer Mutter. Vor wenigen Tagen ist Roswitha Doerig in Paris beigesetzt worden.

Mit Christo auf dem Frachtschiff des Vaters

Vom pittoresk-kleinräumigen Appenzell war Doerig nach England gegangen, wo sie sich zur Kinderschwester ausbilden liess. Es folgten ein Aufenthalt in Paris, die Überfahrt mit der «Queen Mary» nach New York und schliesslich die endgültige Niederlassung in der französischen Hauptstadt. Ihre Innerrhoder Sippe hatte sie ziehen lassen müssen – trotz des Widerstandes der eigentlich weltoffenen Eltern – der Vater ­Taschentuchfabrikant, die Mutter Modistin. Die Tochter sollte einen «richtigen» Beruf erlernen. Und Kunst gehörte definitiv nicht in diese Kategorie. Folglich musste sich Roswitha Doerig ihren Lebensunterhalt selber verdienen. Und nicht nur das: Als 1929 Geborene war sie auch in der von Männern dominierten Kunstszene halt «nur» eine Frau. Nichts wurde ihr geschenkt. Sie, deren Zeichentalent schon in der Grundschule erkannt worden war, musste ein Leben lang um Anerkennung kämpfen. «Und sie tat es mit einer Portion Egoismus», erzählt ihre Tochter. «Es gab in unserer Pariser Wohnung nirgends einen Tisch, an dem wir zu dritt hätten essen kön­- nen. Alles war mit Papieren, ­Büchern und ihren Malutensilien verstellt.»

Gemeinsam mit den Eltern durfte Maidonneli im Jahr 1985 an Christos Verhüllung der Pont Neuf teilnehmen. Ihr aus der ­Bretagne stammender Vater, ein Architekt, war von Christos Team um seine Mitarbeit gebeten worden. Beide Eltern hätten den Künstler bis anhin nicht gekannt; doch in der Privatschule, welche sie besuchte, habe Christo einmal seine Arbeit vorgestellt. Darum habe der Vater eingewilligt mitzuarbeiten und gleich die ganze Familie mitgenommen. Untergebracht wurde die Crew auf dem 35 Meter langen Frachtschiff, das der Vater bis heute besitzt und auf der Seine stationiert hat.

Späte Rehabilitation in der Kunsthalle Ziegelhütte

Mutter Roswitha hatte Ende der 80er-Jahre das Atelier des berühmten Surrealisten und Dadaisten Man Ray bezogen und lebte als freie Künstlerin. Sie konnte zahlreiche Kunst-am-Bau-Projekte realisieren. Zu keinem Zeitpunkt war der Kontakt in ihre Appenzeller Heimat abgebrochen. Etliche Male pro Jahr kehrte sie zurück in ein Haus auf dem Hirschberg. Da sie mit ihrem abstrakten Expressionismus in der Schweiz wenig Erfolg hatte, führte sie eine Zeit lang in Appenzell ihre eigene Galerie. Als späte Genugtuung – und aus heutiger Sicht in weiser Voraussicht – kann die Einzelausstellung vor einem Jahr in der Kunsthalle Ziegelhütte in Appenzell betrachtet werden. Roswitha Doerig gab ihr den Titel: «Älter werde ich später». Sterbenskrank wurde sie dennoch früher als «später».

Abdankung heute Sa, 11. 3.

10.30 Uhr, Kirche St. Mauritius,

Appenzell