Nachruf
Er war einer der stillen Grossen der Schweizer Literatur: Philippe Jaccottet ist tot

Philippe Jaccottet war als Übersetzer und Lyriker ein Brückenbauer. In Frankreich wurde er zum Kultautor. Am Mittwoch ist er gestorben.

Charles Linsmayer
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Der Schriftsteller und Übersetzer Philippe Jaccottet.

Der Schriftsteller und Übersetzer Philippe Jaccottet.

Foto: Gérard Khoury

2001 prangten Gedichte von ihm in jeder Pariser Metro-Station, und im Jahr zuvor, als sich der 75-Jährige erstmals zu einer Lesung hatte überreden lassen, war das Centre Culturel Suisse in Paris aus allen Nähten geplatzt. Philippe Jaccottet, 1925 in Moudon geboren und seit den 1950er Jahren in Südfrankreich lebend, war einer der stillen Grossen der Schweizer Literatur. Er gehörte zu den wenigen Autoren, die bereits zu Lebzeiten in die legendäre Bibliothèque de la Pléiade aufgenommen wurden.

Jaccottet übersetzte die Grossen der deutschen Literatur

Als dem Lyriker Gustave Roud am 1941 der Prix Rambert überreicht wurde, sass der sechzehnjährige Jaccottet im Saal. Roud sprach vom Gesang eines unsichtbaren Vogels, den er in der Dämmerung gehört habe, und die Erkenntnis, dass Dichtung auf derart einfache Weise das Licht des Tages in sich tragen könne, beeindruckte Jaccottet so sehr, dass er lebenslang davon zehrte. In seinem eigenen Werk beschränkte er sich in der Folge weitgehend auf Naturbeobachtungen in der Umgebung seines Wohnorts.

Im Umgang mit Grösserem kam er auf das, was er nach einem Wort Rilkes werden wollte: «ein zum Rühmen Bestellter». Jaccottet rühmte die Dichter, indem er sie übersetzte, und dank seinen Übertragungen erhielt die französischsprachige Welt authentischen Zugang zu Robert Musil, Thomas Mann, Rilke, Ingeborg Bachmann und Giuseppe Ungaretti – wobei letzterer überzeugt war, dass seine Gedichte in Jaccottets Französisch besser klängen als im italienischen Original.

Vielseitig und mit unverwechselbarem Klang

Was Jaccottet als Übersetzer zum Klingen brachte, zeichnet auch die eigenen Gedichte und Texte aus: der unverwechselbare Klang, die eigene Tonlage und die Stimmigkeit des Stils. Das lässt sich in so unterschiedlichen Werken ablesen wie dem «Requiem» (1947) auf die Opfer des Weltkriegs, den todestrunkenen «Leçons» (1969), den federleichten «Pensées sous les nuages» («Gedanken unter den Wolken») von 1983 oder der bewegenden Gedenkschrift «Truinas» auf den Freund André du Bouchet von 2004. Immer findet sich bei aller Brillanz dieses Zögern, diese Zurückhaltung, diese Leichtigkeit, die er 1967, im Band «On voit» («Man sieht»), so umschrieb:

«Sieh meinen Vorrat: Gras und rasches Wasser, / ich habe mich leicht erhalten, / auf dass der Nachen weniger einsinkt.»

Nicht nur von der ästhetischen Meisterschaft, auch von der Aussage her stand er in einer grossen Tradition. Indem er den ersehnten «anderen Zustand», den Traum vom wahren Leben, aus der ihn umgebenden Landschaft in den Mittelpunkt seines Schaffens stellte. Jenes «andere», das, wie er 1994 formulierte, «dem Gewicht des Unglücks entgegensteht und das jeder in sich nährt, der noch immer etwas schreibt oder liest, was man Poesie nennt. [...] Ahnungen, so unpassende, dass man sich selbst zuweilen für einen lächerlichen Überlebenden hält.»

So resigniert das anmuten mag: Die leisen Botschaften Jaccottets erreichen ihre Leserschaft auch durch den Lärm des 21. Jahrhunderts hindurch. 2010, als er im Stadttheater Solothurn den Grossen Schillerpreis der Schweizerischen Schillerstiftung entgegennahm, erlebten auch hierzulande Hunderte, dass Jaccottet seinem Vorbild Roud inzwischen auf eine eindrückliche Weise mehr als ebenbürtig geworden war.

Die Werke von Philippe Jaccottet sind in deutscher Übersetzung im Hanser Verlag erhältlich.