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Nachruf: Bestsellerautor Andrea Camilleri war auch das Gewissen Italiens.

Seine Sizilienkrimis mit Commissario Montalbano machten ihn spät zum Bestsellerautor. Der am Mittwoch mit 93 Jahren in einem römischen Spital verstorbene Andrea Camilleri war zuvor Theater- und Fernsehregisseur und Professor.
Hansruedi Kugler
Andrea Camilleri in einer Aufnahme am Rande des Rom Film Festival 2010. (Bild: EPA/Claudio Peri)

Andrea Camilleri in einer Aufnahme am Rande des Rom Film Festival 2010. (Bild: EPA/Claudio Peri)

Noch Anfang Juni machte Andrea Camilleri mit einem scharfen politischen Kommentar Schlagzeilen. Dass der rechtspopulistische italienische Innenminister Matteo Salvini im Wahlkampf den Rosenkranz küsse, löse in ihm Brechreiz aus, sagte er. Das kam kaum überraschend, denn Andrea Camilleri war immer ein hoch politischer Künstler, der in seinen 27 Bestsellerkrimis mit Commissario Montalbano einen kauzigen Helden mit italienischer Lebenslust erschuf und dem Land einen unbequemen Spiegel vorhielt.

Nach Herzstillstand in kritischem Zustand

Camilleri war ein dezidierter Linker, der schon den Sozialdemokraten Matteo Renzi als zu rechts und nicht wählbar taxierte. Seit Mitte Juni aber bangte halb Italien um seinen Lieblingsschriftsteller. Der passionierte Raucher Camilleri war mit Herz-Atem-Problemen in ein römisches Spital eingeliefert worden und erlitt einen Herzstillstand. Gestern nun ist er gestorben.

Durchbruch mit 70 Jahren

Bis zu elf Millionen Italiener sassen in den vergangenen 20 Jahren bei den zahlreichen Verfilmungen seiner «Montalbano»-Krimis vor ihren Fernsehern. Der phänomenale Erfolg dieser Krimis, von denen Camilleri weltweit über 30 Millionen Exemplare verkaufte, ist eigentlich ein Altersgeschenk. Erst mit fast 70 Jahren hatte er 1995 den Durchbruch als Schriftsteller geschafft. Die Krimis als Alterswerk zu bezeichnen, wäre aber fast rufschädigend. Denn seine Vitalität, die kulinarische, humoristische und erotische Lebenslust blieben bis zuletzt Markenzeichen des Autors. Diese leicht nostalgische, pure Italianità ist auch einer der Gründe für den literarischen Erfolg über Italien hinaus.

Ein Jahrhundert Italien erzählt

Dass Camilleri zum Gewissen Italiens werden konnte, hängt stark mit seiner Biografie zusammen. 1925 während des Faschismus in Sizilien geboren, schrieb er als naiver Schüler noch einen Lobesbrief an den Duce, wandte sich aber dank der Literatur, vor allem André Malraux’ «So lebt der Mensch», früh und radikal vom Faschismus ab - hin zum Kommunismus. Mit erschütternden Erzählungen aus den Kriegsjahren, mit hinreissenden Satiren auf das aufgeblasene Kleinbürgertum im Faschismus und mit glänzenden Miniporträts von Wegbegleitern wie Pier Paolo Pasolini oder Primo Levi macht Andrea Camilleri ein Jahrhundert italienischer Geschichte lebendig.

Er förderte die Avantgarde im Theater

Seine autobiografischen Texte sind in episodischer Verdichtung geschrieben, mit jener süchtig machenden Erzähllust, die auch seine Krimis auszeichnen. Viel Biografisches hat Camilleri in Büchern wie «Mein Leben» oder «Gewisse Momente» preisgegeben. Verdient gemacht hat er sich im Nachkriegsitalien zudem als Regisseur und Professor für Regie und Filmkunst, indem er als erster avantgardistische Autoren wie Samuel Beckett oder Eugène Ionesco inszenierte.

Der letzte «Montalbano» ist schon geschrieben

Am Ende erblindet, diktierte Vielschreiber Camilleri seine Bücher einer Assistentin. Nur die Anmut der Frauen, die er nicht mehr sehe, vermisse er, sagte in einem Interview – im charakteristischen, witzig-pointierten Camilleri-Stil, für den ihn ganz Italien liebte. Weil er jahrzehntelang Theater- und Fernsehregisseur gewesen sei, könne er aber Szenen und Personen vor seinem inneren Auge wie auf der Bühne präzis erschaffen und herumschieben – und auf diese Art weiter schreiben. So sei der Abschluss der «Montalbano»-Krimis bereits fertig, liess er die italienischen Medien wissen. Das Buch werde aber erst nach seinem eigenen Tod erscheinen. Der Commissario werde verschwinden, aber ohne zu sterben.

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