Nachhilfe in Natürlichkeit

Leise singen war immer Peter Schreiers grosse Kunst; wenn er Meisterkurse gibt, ist «pssst!» sein häufigster Kommentar. Eine Begegnung mit dem einstigen Aushängeschild der DDR an der Schubertiade Schwarzenberg.

Bettina Kugler
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Leise singen, aber mit Liedern etwas zu erzählen haben: Darauf legt Peter Schreier (links) Wert. «Ich will dir glauben können, was du singst!» (Bild: Schubertiade Schwarzenberg)

Leise singen, aber mit Liedern etwas zu erzählen haben: Darauf legt Peter Schreier (links) Wert. «Ich will dir glauben können, was du singst!» (Bild: Schubertiade Schwarzenberg)

Am Ende scharen sich seine Schützlinge noch lange um den kleinen Tisch, an dem Peter Schreier sitzt. Sie wollen ein letztes Mal hören, wie es mit ihrer Karriere weitergehen könnte, zücken ihre Smartphones und Tablets. Verstohlen schaut Schreier auf das braune Lederköfferchen, das vor ihm liegt. Er würde jetzt gerne Pause machen, man sieht es ihm an. Aber er bleibt – und schaut möglichst freundlich.

Ende Juli ist er achtzig geworden; vor drei Jahren lag er acht Tage lang im Koma. «Ich geniesse jeden Tag, als sei es der letzte», sagte er später in einem Interview der «Bild»-Zeitung. Eigentlich wäre es für heute Zeit, mit dem Geniessen zu beginnen. Doch ein Erinnerungsfoto mit dem Herrn Kammersänger will er dem Nachwuchs nicht verweigern. Im Interview antwortet er brav. Aber auf Einsichten eines langen Künstlerlebens hat er jetzt keine Lust mehr.

Schlicht und ergreifend

Drei Stunden hat er an diesem Morgen den Jungen zugehört, quer durch das Repertoire: Schubert, Schumann, Mahler. Er hat ihre technischen Schwächen stillschweigend ausgehalten, an ihrer Interpretation gearbeitet, mit ihnen das rechte, ihrer Stimme und ihrem Temperament angemessene Tempo erspürt. Hat sie auf falsche Betonungen, undeutliche Aussprache, auf Manierismen hingewiesen: höflich, aber bestimmt. Und immer wieder den Zeigefinger an die Lippen gelegt und «pssst!» geflüstert: Weil er schon immer fest davon überzeugt war, dass man die Zuhörer mit leisen Tönen am Ohr packt. Als Sänger, der etwas mitzuteilen, zu erzählen hat.

Diesen schlichten, ergreifenden Erzählgestus strahlt Peter Schreier nach wie vor aus. Das helle, obertonreiche Timbre hört man seiner Sprechstimme nicht mehr an. Der Evangelist der Bach-Passionen war Schreiers Lebenspartie, noch vor zehn Jahren sang er sie ein letztes Mal. In den letzten Jahrzehnten hat er vor allem dirigiert – Werke, die er aus seinen Sängerjahren durch und durch kannte. Als Mozart-Tenor und Interpret der Lieder Schuberts und Schumanns hat er Massstäbe gesetzt.

«Ich bin wohl ein Ewiggestriger»

Gerade an der Schubertiade liebt das Publikum Natürlichkeit: sensible, gut artikulierte Gestaltung, weder affektiert noch langweilig. Schubert eben! Schreier verkörpert dieses Ideal. «Nennen Sie mich einen Ewiggestrigen», sagt er, «ich halte nun einmal nichts davon, wenn die Stimme zur Geräuscherzeugung missbraucht wird.» Die «Sangesmusik», wie er es nennt, endet für ihn mit Krenek und Hindemith.

Peter Schreier ist bekennend konservativ; heimatverbunden im musikalischen und regionalen Sinn. Unpolitisch – und überaus populär. Kaum einer kannte ihn nicht im Osten, im Unterhaltungsfernsehen der DDR war er omnipräsent. Auch mit der Schubertiade verbindet ihn viel; Hermann Prey lud ihn vor 40 Jahren zum Eröffnungskonzert ein, seither war Schreier regelmässig zu Gast – als Sänger, als Dirigent, für Meisterkurse. Dafür applaudiert ihm das Publikum am Ende der Woche stehend.

«Ich trete hier allenfalls als Ratgeber auf», sagt er in unserem Gespräch. «In technische Belange mische ich mich nicht ein, das würde die jungen Sänger in Zwiespalt führen.» Er selbst hat das Handwerk von Kindesbeinen an im traditionsreichen Dresdner Kreuzchor gelernt. Rudolf Mauersberger schrieb dem Knaben Peter Schreier Soli auf die lupenreine Altstimme. Viel Literatur begegnete ihm in diesen Jahren, auch Volkslieder. «Ich lernte dort, mich zu disziplinieren – und dass Singen auch Aufeinanderhören bedeutet.» Das Kunstlied-Repertoire begann er im Studium zu schätzen.

Nach dem Mauerbau war er vor allem an der Berliner Staatsoper gefragt, bald aber wurde er über die DDR hinaus bekannt. Als Einspringer für Fritz Wunderlich debütierte er bei den Salzburger Festspielen, 25 Jahre lang war er dort jeden Sommer. Ein Doppelleben zwischen Ost und West begann. Aushängeschild der sozialistischen DDR wollte Peter Schreier nicht sein, gleichwohl genoss er seine internationalen Auftritte – und kehrte jedes Mal treu zurück nach Dresden, zu Familie und Freunden. Mit seiner Frau Renate, auf den Tag gleich alt wie er, ist Schreier seit 58 Jahren verheiratet.

Sein Abgang: Pianissimo

«Die Natürlichkeit bringt's», wenigstens diesen Satz sollen die Teilnehmer seines Meisterkurses mit nach Hause nehmen und bei ihren Auftritten beherzigen. Es ist das schwerste überhaupt im Liedgesang. Das richtige Mass an Gefühl und Innerlichkeit, an Mitteilsamkeit und Ausdruck erfordert sorgfältige, gewissenhafte Arbeit. Und Persönlichkeit. «Habt den Mut, ein Lied im pianissimo ausklingen zu lassen!» So leise, wie Peter Schreier das sagt, geht er dann auch von der Bühne, pianissimo, mit seinem braunen Köfferchen. Den Tag geniessen, als sei es der letzte.