Kultur in der Krise
Nachgefragt bei Veranstalter Christoph Bill: Wird es Sommerfestivals geben?

Stefan Künzli
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Fand in diesem Jahr nicht statt: Das Montreux Jazz Festival – letztes Jahr unter anderem besucht von Elton John auf seiner Abschiedstour.

Fand in diesem Jahr nicht statt: Das Montreux Jazz Festival – letztes Jahr unter anderem besucht von Elton John auf seiner Abschiedstour.

Andre Albrecht

Wie sind die Aussichten für die Sommerfestivals 2021?

Christoph Bill, Präsident des Veranstalterverbandes SMPA und Chef der Heitere Events Zofingen.

Christoph Bill, Präsident des Veranstalterverbandes SMPA und Chef der Heitere Events Zofingen.

Keystone

Christoph Bill: Eine Einschätzung für kommenden Sommer ist heute unglaublich schwer. Wir wissen ja nicht mal, was in den nächsten paar Wochen sein wird. Wir müssen abwarten, schauen, wie sich die Situation bis Ende Januar entwickelt, und parallel in verschiedenen Szenarien denken. Derzeit halten praktisch alle Festivalveranstalter an der Durchführung fest, und die Programme sind zum Teil schon veröffentlicht. Aber die Zeit drängt: Die Juni-Festivals müssen schon bald klare Signale haben, wenn sie durchgeführt werden sollen.

Wie lange Vorlauf brauchen Sie?

In normalen Zeiten arbeiten Festivalveranstalter ein ganzes Jahr auf die nächste Ausgabe hin. Der lange Schlussspurt, wo die grossen finanziellen Verpflichtungen entstehen, beginnt drei bis vier Monate vor Türöffnung. Wann der letztmögliche Zeitpunkt für ein «Go» oder ein «No-Go» ist, ist von Festival zu Festival unterschiedlich. Und wenn die Bewilligung vorliegt, bleibt die Frage des wirtschaftlichen Risikos: Lassen sich in der verbleibenden Zeit bei der herrschenden Unsicherheit noch genügend Tickets absetzen, um die Kosten zu decken?

Findet das Heitere Open Air statt?

Ich bin zuversichtlich, dass das Heitere Open Air stattfinden wird. Mit Datum im August haben wir etwas mehr Luft als andere. Die Form müssen wir aber wohl anpassen. Wir kennen einen Grossteil der Instrumente zur Pandemiebekämpfung und sind daran, diese durchzuspielen, um frühzeitig zu erkennen, unter welchen Voraussetzungen das Festival realisierbar und finanziell tragbar ist. Können wir mehr, dafür kürzere Konzerttage mit weniger Gästen realisieren? Wie sind die Möglichkeiten mit Sitzplätzen? Können wir mit Konsumationseinschränkungen leben? Wie machen wir es mit dem Zeltplatz? Ich meine, für die Branche ist es entscheidend, bis Ende Februar schweizweit gemeinsam mit den Behörden Rahmenbedingungen und Schutzkonzepte definieren zu können, um bei einer Öffnung, die ich sehr spät erwarte, sofort loslegen zu können und nicht noch Wochen auf individuelle Beurteilungen der Kantone warten zu müssen.

Wie sieht es mit Ausfallentschädigungen aus?

Die Bestandesaufnahme bei den SMPA-­Mitgliedern vor Weihnachten hat gezeigt, dass der Zeitraum März bis Oktober noch nicht in allen Kantonen abgerechnet wurde, die Entschädigungen in den einzelnen Kantonen prozentual variieren und alle Veranstalter auf angefallenen Kosten sitzen bleiben. In einer Branche, in der die Marge sowieso sehr klein ist, können das zukünftig die wenigsten Player tragen. Aber leider wurde bei der Änderung der Covid-19-Kulturverordnung die Gelegenheit verpasst, bei der Ausfallentschädigung die bestehende Obergrenze von 80% zu streichen. Selbst im besten Fall tragen die Veranstalter also auch 2021 20% der Kosten selbst. Vor diesem Hintergrund und dem möglichen kurzfristigen Bewilligungsentzug muss der Entscheid, die Planung und Durchführung überhaupt an die Hand zu nehmen, gut durchdacht werden. Das Schlimmste, was passieren kann ist, dass man – ohne verbindliche Absicherung – hohe externe Kosten generiert, dann aber absagen und die Tickets zurückerstatten muss. Das würde auch jenen Festivals den Todesstoss versetzen, die heute finanziell solid dastehen.