NACHFOLGE: Mit Lupe und Gefühl

Barbara Karl leitet neu die Sammlung des Textilmuseums St. Gallen. Die Wienerin mag es wissenschaftlich fundiert. Begeisterungsstürme kann sie sich gelegentlich dennoch nicht verkneifen. Zum Glück.

Diana Hagmann-Bula
Drucken
Teilen
Analysiert und fühlt Muster: Barbara Karl, Sammlungsleiterin am Textilmuseum St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Analysiert und fühlt Muster: Barbara Karl, Sammlungsleiterin am Textilmuseum St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Diana Hagmann-Bula

diana.hagmann-bula

@tagblatt.ch

Sie ist froh, liegt der Lift versteckt um zwei Ecken. «So benütze ich die Treppe. Das ist nicht nur gesund, sondern bietet auch fürs Auge etwas», sagt Barbara Karl. Seit Januar ist sie Sammlungsleiterin am Textilmuseum St. Gallen. Und geniesst ihren neuen Arbeitsort – nicht nur des «palastartigen Treppenhauses» wegen. «Die Sammlung des Hauses ist grossartig. Jede Schublade ist eine Entdeckung», schwärmt die 39-Jährige, die für 40000 Objekte verantwortlich ist, von Handstickereien über Spitzen bis zu Druckstoffen, seit 1878 systematisch angelegt.

Textildetektivin zählt die Fäden

Fühlt sie sich inmitten der schönen Stoffe wie eine Prinzessin? Karl schüttelt den Kopf und sagt lachend: «Ich hänge mir die Textilien ja nicht um, sondern versuche, den wissenschaftlich-distanzierten Blick zu bewahren – was manchmal schwerfällt.» Der wissenschaftlich-distanzierte Blick, das bedeutet: das Objekt nicht nur in einen historischen Kontext zu stellen, sondern auch technisch zu analysieren. Die Lupe zur Hand zu nehmen, Fäden zu zählen, Webarten zu erkennen. «Muster und Struktur weisen auf das Alter des Stücks hin.» Detektivarbeit sei das, für die sie gelegentlich eine weitere Textilhistorikerin beiziehe. «Vier Augen sehen mehr als zwei.»

Barbara Karl ist aus Wien gekommen, um die Nachfolge von Ursula Karbacher anzutreten, die in Pension geht. Karl hat Kunstgeschichte und Sprachen studiert, sich im Auslandssemester in Lissabon in indische Stickereien aus dem 16. und 17. Jahrhundert für den europäischen Markt verguckt und ihre Dissertation darüber geschrieben. Nach Forschungsstipendien unter anderem in Pisa und London leitete sie ab 2010 am Museum für Angewandte Kunst in Wien die Abteilung Textilien und Teppiche. Es sei damals eher ungewöhnlich gewesen, sich als klassische Kunstgeschichtlerin auf Textilien zu spezialisieren, sagt sie. «Aber mich haben der kulturelle Austausch, der Einfluss der Wirtschaft auf die Entwicklung textiler Produkte sowie die Sozialgeschichte dahinter schon immer interessiert. Bis zur Industriellen Revolution waren Textilien neben Nahrungsmitteln und Edelmetallen das wichtigste Handelsgut», sagt sie. Und erzählt, dass sie sich als Kind am liebsten Dokumentationen über Entdecker angesehen habe.

Der rote Afghane kommt mit nach St. Gallen

Während das Textilmuseum immer wieder Prachtsbeispiele der St. Galler Stickerei zeigt, beschreibt Barbara Karl ihren Kleidungsstil als «langweilig klassisch». Gedeckte Farben, Baumwolle, Wolle, Hauptsache, ein Stoff mit Qualität, der sich gut auf der Haut anfühlt. «Textilien bringen Wärme», sagt sie und denkt dabei auch an den roten Teppich aus Afghanistan, den sie von Wien nach St. Gallen zügeln wird. Er soll Behaglichkeit in ihre neue Wohnung bringen.

Ideen sammeln in anderen Museen

Barbara Karl arbeitet nicht nur im Museum, sie geht auch in der Freizeit in Ausstellungen. Vermisst sie das Angebot der österreichischen Hauptstadt? «Nimmt man die Region zwischen St. Gallen und Zürich als ein zusammenhängendes kulturelles Gebiet wahr, ist das Angebot so breit wie in meiner alten Heimat.» An Ausstellungen interessiert sie vor allem die Machart. «Wie sind sie gestaltet? Wie sprechen sie zu den Besuchern?», sagt sie. Viele Ideen kommen bei diesen Rundgängen, «aber auch wenn ich Fachbücher und die Sammlung selber durchschaue.» Nicht nur bei den Kleidern, auch bei Ausstellungen mag sie es schlicht. Das Inhaltliche soll vorrangig sein, optimale Positionierung und Licht sind ihr wichtig, um die Eigenwirkung der Exponate zu verstärken. «Weniger ist einfach mehr.»

Beim Durchsehen der Sammlung sind ihr etwa italienische Handtücher aus dem 16. Jahrhundert aufgefallen. Fein bestickt, aus dickem Leinen. Damals wusch der wohlhabende Kaufmann seine Hände im Kupferbecken, tupfte sie danach am edlen Textil ab. «Nun frage ich mich, in welchem Kontext man so schöne, aber dezente Textilien präsentieren soll, um ein breiteres Publikum dafür zu interessieren.» Auf einen Fixpunkt arbeitet sie aber schon mal hin: Sie konzipiert eine Ausstellung zu historischen Spitzen des Museums, die im Herbst 2018 eröffnet wird und mit der ein mehrjähriges Forschungsprojekt zu Ende geht.

Aktuelle Nachrichten