Kino
Nach Jahren der Abwesenheit gibt es Charlie Brown zum Zweiten

Heute läuft «The Peanuts Movie» in den Schweizer Kinos an. Eine Reportage aus Kalifornien zeigt,wo die Charaktere aus dem Film nach dem Tod von Zeichner Charles M.Schulz überlebt haben

Marlène von Arx
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Nach Jahren ab heute wieder im Kino zu sehen: Szene aus «The Peanuts Movie».Twentieth Century Fox

Nach Jahren ab heute wieder im Kino zu sehen: Szene aus «The Peanuts Movie».Twentieth Century Fox

Twentieth Century Fox

Als ihn vor vielen Jahren ein Mitschüler nach dem Beruf seines Vaters fragte, antwortete Craig Schulz: «Er zeichnet die Peanuts.» Was das genau bedeutete, wusste der Primarschüler damals angeblich nochnicht, aber ein weiterer Kumpel meinte, er male wohl die Etikette auf dem Erdnussbutter-Glas. «Wir fünf Geschwister dachten eigentlich, Vater habe gar keinen Job, denn er war immer zu Hause», erinnert sich der 62-Jährige heute. «Er schickte uns nie aus seinem Büro, weil er keine Zeit hatte. Er coachte auch unser Baseball-Team.»

Inzwischen liegt dem Sohn viel daran, dass die Arbeit von Charles M. Schulz, der Charlie Brown, Snoopy und den Rest der Peanuts-Gang ins Leben gerufen und ab 1950 fünfzig Jahre lang gezeichnet hat, nicht in Vergessenheit gerät. Vor acht Jahren streckte er seine Fühler nach geeigneten Partnern für einen Kino-Film aus und kam alsbald auf Blue Sky Studios, bekannt für ihre «Ice Age»-Trickfilme.

Nach 35 Jahren wieder im Kino

Sein Sohn Bryan Schulz schrieb am Drehbuch mit. Aber es war nicht einfach, den klassischen 2D-Charakter von Charlie Brown in die dreidimensionale CGI-Welt (die Abkürzung für Computer-Generated Imagery) zu übertragen. Erwartungsvoll pilotierte sich Craig Schulz im eigenen Flugzeug vom nordkalifornischen Santa Rosa nach Los Angeles, doch die Präsentation der ersten Entwürfe waren eine Enttäuschung: «Sie hatten ganze Teams, die sich nur um die Stirn-Locke von Charlie Brown kümmerten, oder wie sie Emotionen in die Augen bringen konnten. Dazu wurden die in Zeichentrickfilmen üblichen weissen Kugelaugen verwendet. Es sah nicht gut aus! Ich forderte sie auf, nochmals über die Bücher zu gehen und neu anzufangen. Es musste auch eine Lösung mit den zwei schwarzen Punkten als Augen zu finden sein.»

Entstanden ist nun der erste PeanutsKino-Film seit 35 Jahren, der das Erbe von Charles M. Schulz ehrt und im heutigen Familienfilm-Markt bestehen dürfte: Charlie Brown verliebt sich in die rothaarige Neuzuzügerin im Quartier. Aber als geborener Verlierer vermutet er deprimiert, dass er bei ihr keine Chancen hat. Zwischen seinen ungeschickten Eroberungsversuchen kommt Snoopy bei seinen imaginären Flugabenteuern auf seiner Hundehütte in den vollen Genuss von 3D-Animation. «Die Geschichte ist zu 99 Prozent mein Vater», so Craig Schulz. «Jedes Mal, wenn ich dachte, wir hätten eine neue Idee, ergaben Recherchen, dass bereits ein Comic-Strip zu diesem Thema vorhanden war. Mein Vater hat in 50 Jahren wirklich alles abgedeckt – von Atomkrieg über Maschinengewehre bis hin zu Liebesgeschichten.»

Sparkys Werk zurückgekauft

Was der 2000 verstorbene Cartoonist in 3588 Comic-Strips – die Arbeit von rund zehn Jahren – gezeichnet hat, hängt heute als 6,7 Meter hohes Keramik-Wandgemälde des japanischen Künstlers Yoshiteru Otani in der Eingangshalle des Charles M. Schulz Museum und Research Centers in Santa Rosa. Kombiniert ergeben die Strips das Bild von Charlie Brown und Lucy, die ihm den Football zum Kick hinhält. Zur permanenten Ausstellung gehört auch Snoopys Hundehütte von Künstler Christo verpackt. Das Museum wurde zwei Jahre nach Charles M. Schulz’ Tod eröffnet. Auf dem Campus werden Zeichenkurse angeboten. Archivare betreuen Charlie-Brown-Schätze aus aller Welt sowie eine unvollständige Sammlung der Comic-Strip-Originale. «Mein Mann hat an die 18 000 Strips gezeichnet, wir haben gut 7000 davon», so Schulz’ zweite Ehefrau und Witwe Jean Schulz. «Wir haben auch welche zurückgekauft – was Sparky nie im Leben in den Sinn gekommen wäre!»

Mit «Sparky» signierte Schulz seine Zeichnungen. So nannten ihn auch die Freunde in Santa Rosa, wo Peanuts-Statuen auch heute noch das Stadtbild prägen. Ebenfalls ein Denkmal vor Ort: Die Redwood Empire Ice Arena, im Volksmund «Snoopy’s Home Ice» genannt. Der in St. Paul, Minnesota, aufgewachsene Sohn eines deutschstämmigen Coiffeurs und seiner norwegischen Frau war ein passionierter Eishockeyspieler und liess 1969 eine Eishalle als Geschenk an die Gemeinde errichten. Die falschen Geranien unter den Fenstern weisen schon von aussen darauf hin, dass neben Snoopy auch Schweizer hier ihre Spuren hinterlassen haben: An den Wänden hängen Kantonswappen und Tapeten von Schweizer Bergen und Seen; das Club-Haus ist einem Chalet nachempfunden. Woher das Schweizer Flair kommt, weiss heute niemand mehr so genau. Fest steht, dass jedes Jahr im Sommer hier ein internationales Senioren-Eishockey-Turnier stattfindet, bei dem Divisionen von Ü40 bis über 70-Jährigen um Trophäen kämpfen.

Auf bestem Weg zum Hundertsten

Schulz wurde für seine langjährigen Verdienste um den Sport in die Hockey Hall of Fame aufgenommen. Darauf dürfte er ebenso stolz gewesen sein wie auf die Medaillen und Orden der amerikanischen, französischen und der italienischen Regierungen, die ihm für sein Lebenswerk verliehen wurden. Jean Schulz über den Mann, den sie einst auf der Eisbahn kennen lernte: «Er sagte immer: ‹Kunst ist, wenn sie 100 Jahre bestehen mag. Ich denke, seine Zeichnungen sind da auf gutem Weg.»

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