«Nach einer Einladung schreiben manche Chinesen ein Gedicht zum Dank»: Der St.Galler Raffael Keller übersetzt chinesische Lyrik ins Deutsche

Eine Einführung in Taoismus hat ihn angefixt, seither kommt Raffael Keller nicht mehr von fernöstlichen Schriftzeichen los. Jetzt hat der Sinologe chinesische Liebeslyrik aus dem 9. Jahrhundert ins Deutsche übertragen.

Dieter Langhart
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«Unter Blumen» heisst das jüngste Buch des Sinologen Raffael Keller. Es ist im St.Galler Vexer-Verlag erschienen.

«Unter Blumen» heisst das jüngste Buch des Sinologen Raffael Keller. Es ist im St.Galler Vexer-Verlag erschienen.

Bild: Dieter Langhart

Dick, schwer, voller fremder Zeichen: der erste von zwölf Bänden eines seiner Chinesisch-Wörterbücher. Raffael Keller findet sich mühelos darin zurecht, weiss, wie es aufgebaut ist. 1970 wurde er in St.Gallen geboren, als er zwei Jahre alt war, zog die Familie nach Winterthur. Beide Eltern waren Musiker, er aber gab die Idee einer Musikerausbildung bald auf. Er liebte Sprachen seit dem Gymi, wollte sie studieren. Nicht Englisch oder Deutsch, das fand er langweilig.

Das Buch «Der Lauf des Wassers», eine Taoismus-Einführung des Religionsphilosophen Alan Watts, hatte ihn angefixt – ihm gefielen die fernöstlichen Schriftzeichen, er wollte sie im Original lesen können. In Zürich begann er, Sinologie und Japanologie zu studieren, zog weiter nach Berlin, dann nach Nanjing, begann schon während seines Studiums, Bücher zu übersetzen.

Was Wen Tingyun im 9. Jahrhundert dichtete

Das jüngste Werk «Unter Blumen» ist kürzlich im St.Galler Vexer Verlag erschienen: Keller hat Liebeslyrik des Chinesen Wen Tingyun aus dem 9. Jahrhundert übertragen, poetisch-mystische Camera-obscura-Aufnahmen der Fotografin Regula Engeler begleiten die Worte. «Verleger Josef Felix Müller kannte mich, und mit Regula verbindet mich eine alte Freundschaft. Wir arbeiteten sehr eng zusammen für dieses Buch.» Buchvernissage war im Zeughaus Teufen, wo derzeit auch Fotografien Engelers zu sehen sind.

In seiner Lizenziatsarbeit untersuchte Keller zeitgenössische, oft auch vom Westen beeinflusste chinesische Lyrik. So übersetzte er Gedichte von Xiao Kaiyu (*1960), die als «Im Regen geschrieben» 2003 bei Waldgut in Frauenfeld erschienen. «Xiao Kaiyu hat einen starken Bezug zur Literatur der frühen Meister, die nach wie vor einen hohen Stellenwert in Chinas Gesellschaft hat, im Westen aber nahezu unbekannt ist.»

Keller fühlt sich herausgefordert, für Klassiker einen nicht zu altertümlichen Ton im Deutschen zu finden. «Ich muss sie ganz genau lesen, gründlich verstehen, erst dann kann ich die Eigenheiten bewahren, ebenso die formale Strenge.»

Gebrauchslyrik als Kommunikationsmittel, lange vor Twitter

Für Raffael Keller ist die chinesische Lyrik eine Bereicherung, ein Teil der Weltkultur, ein anderer Blick auf die Welt – und ebenso Teil des Alltags. «Nach einer Einladung schreiben manche Chinesen ein Gedicht zum Dank: Gebrauchslyrik als Kommunikationsmittel, lange vor Twitter.» Für Keller ist Chinas Kultur eine Beziehungskultur: «Beziehungen sind wichtiger als das Individuum.» Und das politische System? «Ich bin kein Freund der Regierung – aber ist unsere Freiheit wirklich die letzte Wahrheit?»

Als Raffael Keller zum ersten Mal nach China reiste, erlitt auch er einen Kulturschock: Alles war fremd, ungewohnt, anders. «Viele reisen den Sehenswürdigkeiten nach, doch bald gleicht ein Tempel dem andern.» Er empfiehlt ein anderes Kennenlernen:

«Man kann China auch kulinarisch bereisen, die unterschiedlichen Küchen geniessen. Aber man muss sich auskennen.»

Rechnet sich literarisches Übersetzen? Raffael Keller lächelt und nippt am zweiten Kaffee. Dank einer zusätzlichen Ausbildung zum wissenschaftlichen Bibliothekar arbeitete er in der Zürcher Kantonsbibliothek und der Vadiana in St.Gallen, konzipierte Ausstellungen. Doch Hauptverdienerin in der vierköpfigen Familie ist seine Frau Radostina. Sie arbeitet als Gerichts- und Behördendolmetscherin, unter anderem für Chinesisch.