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Nach dem Mauerfall: Alle wollten nach Berlin

Berlin wurde nach der Wende zum Hotspot der Kultur und Architektur. Goldgräberstimmung herrschte vor allem für Westler.

Sabine Altorfer
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Die Mauerbrache, der Todesstreifen, zog sich wie ein Riss durch die Stadt und wurde möglichst schnell gekittet. Am Potsdamer Platz tanzten die Kranen. (Bild: U. Baumgartner)

Die Mauerbrache, der Todesstreifen, zog sich wie ein Riss durch die Stadt und wurde möglichst schnell gekittet. Am Potsdamer Platz tanzten die Kranen. (Bild: U. Baumgartner)

Welche Aufbruchstimmung, welche Chance! Anfang der 1990er konnte und musste Berlin neu gebaut werden. Eine solche städtebauliche Aufgabe war einzigartig und lockte Architekten aus der ganzen Welt nach Berlin. Aber auch Touristen und Neugierige, Künstlerinnen und Kreative. Wer im Kunsthandel oder im Verlagswesen mitreden und wahrgenommen werden wollte, zog nach Berlin oder eröffnete zumindest eine Filiale. Berlins legendärer Stadtpräsident Klaus Wowereit prägte 2003 das Bonmot «Arm, aber sexy».

Mauerfall-Serie: Die Öffnung der Grenze zwischen West- und Ostberlin am 9. November 1989 besiegelte das Ende der DDR und des Kalten Krieges. Der Mauerfall kam für viele Beobachter völlig überraschend. Diese Woche richten wir unseren Fokus jeden Tag auf einen anderen Aspekt des Ereignisses, das vor 30 Jahren die Weltordnung auf den Kopf stellte.

Mauerfall-Serie: Die Öffnung der Grenze zwischen West- und Ostberlin am 9. November 1989 besiegelte das Ende der DDR und des Kalten Krieges. Der Mauerfall kam für viele Beobachter völlig überraschend. Diese Woche richten wir unseren Fokus jeden Tag auf einen anderen Aspekt des Ereignisses, das vor 30 Jahren die Weltordnung auf den Kopf stellte.

Nicht mal zehn Jahre nach der Wende galt Berlin bereits als Kunst-Produktions-Hauptstadt der Welt, als Metropole mit der grössten Galeriendichte und Hotspot der Literaturverlage. Die Senatswirtschaftsverwaltung sprach 2008 von 400 Galerien und 5500 Bildenden Künstlern sowie 200 Museen oder Ausstellungshallen. Die Stadt zog nach, mit Neubauten, Renovationen – oft auf Pump.

Auch als Schweizerin spürte man: Dieser Prozess ist einzigartig, wenigstens punktuell wollte man dabei sein und beobachten, wie eine Stadt sich neu erfindet. Am Anfang war es so abenteuerlich wie mühsam: Tram und U-Bahn waren noch zwei Systeme, Bauerei und Fahrpläne änderten fast täglich. Mit den alten Tatra-Trams gings in den Osten, etwa nach Weissensee: Plattenbauten, leere Plätze, das Logis im ehemaligen DDR-Sport-Funktionärs-Hotel war eher skurril als schön.

Das Kulturhaus Tacheles war das Symbol des hippen Kreativ-Berlins. (Bild: Keystone)

Das Kulturhaus Tacheles war das Symbol des hippen Kreativ-Berlins. (Bild: Keystone)

Nur drei Jahre später waren die Hälfte der Strassenbahnen neu, die Plätze vor den Platten von Westmarken-Autos zugeparkt, nur die alten Häuserzeilen harrten grau der Renovation. Die Hackeschen Höfe, der Prenzlauer Berg wurden von Künstlerinnen und Kreativen geflutet. Im Tacheles, dem besetzten ehemaligen Kaufhaus an der Oranienburgerstrasse, wuchsen die Graffiti, herrschte buntes, anarchisches Kulturtreiben. Es war das Symbol für den kreativen Aufschwung.

Experimentierfeld der Architektur

Die Mauerbrache, der Todesstreifen, war der sichtbare Riss durch die Stadt, war Mahnmal und Herausforderung. Es schien, als wollte man ihn möglichst schnell kitten, übertünchen, überbauen. Berlin verwandelte sich in die grösste Baustelle der Welt. Überall Gräben mit dem hellen Sand, riesige, wassergefüllte Baugruben, Chaos, kilometerlange, hoch über den Strassen geführte blaue Wasserleitungen.

Am Potsdamer Platz tanzten Dutzende Kranen, Firmentürme schossen in die Höhe. Das neue Quartier war Experimentierplatz für die neuste Architektur aus aller Welt. Renzo Piano, Arata Isozaki, Hans Kollhoff und Richard Rogers waren die Entwerfer. Gebaut wurde im ganzen ehemaligen Ostteil, auch Schweizer ­Büros – etwa Max Dudler oder Diener & Diener – eröffneten Zweigstellen.

Als Wahrzeichen für die neue Hauptstadt schuf Norman Forster 1994–1999 die Glaskuppel über dem Reichstagsgebäude. Millionen Besucher kamen 1995 wegen der Verhüllung des Reichstages durch Christo. Am Spreebogen entstand das neue Regierungsviertel rund um die Schweizer Botschaft, die als einziges Relikt der Vorkriegsbebauung in Stahlträger verpackt auf die neue Zeit wartete. Ob all die Architektur-Experimente gut, nachhaltig sind, wird sich erst noch zeigen. Wer profitierte, war manchen Ossis aber schnell klar. Eingebrannt hat sich der Satz eines Taxifahrers 1994: «Gebaut wird wie wild, aber nicht für uns. Bei uns drüben wird’s nur schwieriger.»

Schwierig wurde es für alle ausserhalb von Berlin. Die Hauptstadt boomte, doch auf dem Land begann der Arbeitsplatzabbau, die Entvölkerung. Wenn es kulturell ein zweites Epizen­trum in den neuen Bundesländern gibt, dann findet man es – vor allem heute –in Leipzig.

Die Ost-Kunst verblüfft durch Vielfalt

Leipzig diesen Herbst. Im Museum der Bildenden Künste läuft die «wichtigste Ausstellung» des Jahres, so die «Süddeutsche Zeitung». Titel: «Point of No Return. Wende und Umbruch in der ostdeutschen Kunst». «Überfällig», befand die «Zeit», denn eine vorurteilsfreie Aufarbeitung über die Kunst in der ehemaligen DDR gab es bisher tatsächlich noch nie.

Dresdener Stimmungsbild: Lutz Fleischer, «Trunkenes Paar», 1981. (Bild: MdbK Leipzig)

Dresdener Stimmungsbild: Lutz Fleischer, «Trunkenes Paar», 1981. (Bild: MdbK Leipzig)

In Scharen strömt das Publikum ins Museum, diskutiert, kramt in Erinnerung oder begutachtet – wie die Besucherin aus der Schweiz – ziemlich überfordert, aber staunend die hunderten Werke. Gibt es Namen, Werke, die man kennt? Wenige nur. Aber es gibt vor allem nicht das, was im Westen jahrzehntelang abschätzig als einzige DDR-Kunst kolportiert wurde, den sozialistischen Realismus mit seiner Propagandafunktion für den Bauern- und Arbeiterstaat.

Zu sehen ist eine verblüffende stilistische Vielfalt und unglaublich viel, unglaublich gute Malerei. Thematisch dominieren Zweifel, Melancholie, Angst, Einsamkeit, Bedrohung, Ungewissheit. Manchmal durchbrochen durch sarkastisch-ironische Einsprengsel oder symbolisch aufgeladene Konstruktionen.

Vielfalt kennzeichnet auch die Biografien, da haben die Ausstellungsmacher glücklicherweise weder positiv noch negativ zensuriert. Viele waren anerkannt und als Mitglied im Künstlerverband gefördert, einige lehrten an Hochschulen, manche waren als Nonkonformisten ausgegrenzt und einige lebten freiwillig oder ausgebürgert ennet der Grenze.

Es gab also nicht die eine DDR-Kunst, so wenig wie es eine Ursache für die Wende oder eine Zukunft danach gab. Überhaupt ist die Zeit davor und danach nicht scharf getrennt. Denn die Unsicherheit, das unruhige Terrain wurden nicht in einer Nacht geglättet, und nicht mit dem Vollzug der Wiedervereinigung gesichert. Im Gegenteil: Aus den öffentlichen Gebäuden wie aus den Museen der neuen Bundesländer verschwand viel Kunst, vieles landete in notdürftigen Depots. In der Leipziger Ausstellung findet sich häufig der Hinweis «aus dem Depot Beeskow».

Der Abbruch des Kunstkombinats DDR

In den 1990er-Jahren, so konstatieren die Kuratoren, habe ein «Abbruch des Kunstkombinats DDR» stattgefunden. Das westliche Kunstsystem «mit seinen kapital- und prestigegestützten Netzwerken, Galerien, Grosssammlern, Messen» habe den Künstlern in Ostdeutschland weniger die lang ersehnte Freiheit, als vielmehr «Plätze am Katzentisch» geboten. Für viele der 1200 im VBK (Verband Bildender Künstler) organisierten Malerinnen, Grafiker und Bildhauer hiess das neben der wirtschaftlichen Unsicherheit auch Entwertungsgefühl und Ausgrenzung.

Der Maler Neo Rauch ist der Shootingstar der neuen Leipziger Schule. (Bild: Keystone)

Der Maler Neo Rauch ist der Shootingstar der neuen Leipziger Schule. (Bild: Keystone)

Einige wenige nahm der immer hungrige Markt auf. Neo Rauch, Til Eitel, Carsten und Olaf Nicolai und Martin Eder stiegen wie Raketen zu hochgehandelten Weltstars auf. Sie verdanken es einem: Gerd Harry Lybke. Der 1961 geborene Maschinenmonteur richtete schon 1983 in seiner Wohnung in Leipzig seine Galerie Eigen+Art ein, zeigte seine Künstlerfreunde.

Er packte 1990 die Chance, an die Frankfurter Kunstmesse mit temporären Ausstellungen nach Tokio, Paris und New York zu gehen und eröffnete 1992 in Berlin eine Filiale. Eigen+Art galt und gilt als die wichtigste Adresse für Ost-Kunst.

Für Schriftstellerinnen, Theaterleute und Filmer war der Wendeschock geringer, waren sie doch in Institutionen eingebunden, die wie die Theater bereits vor der Wende viel beachtet und geachtet und erstaunlich verwandt agierten.

Ebenso die Autoren, ob dissidente oder vom Staat geförderte: Man las sie auch im Westen. Irmtraud Morgner, Heiner Müller, Christa Wolf, Sarah Kirsch, Ulrich Plenzdorf waren und sind Big Names der gesamten deutschsprachigen Literatur. Selbst wenn sich Einzelne nach der Wende rechtfertigen mussten, weil ihr Name unter den Stasi-Informanten auftauchte.

Was sie aber alle verloren, war die wirtschaftliche Sicherheit, die der Staat seinen Künstlerinnen, Autoren und Kulturmenschen bot. Ebenso wie den günstigen oder kostenlosen Zugang zur Kultur für seine Bürgerinnen und Bürger.

Man mag das eine Marginalie der Geschichte finden, für die Kultur, für die Künstlerinnen und Künstler des Ostens fühlte sich die Wende eher wie eine Übernahme, wie eine Kolonialisierung an. Dass heute wieder eine Wertschätzung der Ost-Kunst einsetzt, stimmt zuversichtlich, dass die psychologischen und wirtschaftlichen Mauern doch auch noch fallen.