Nach 25 Jahren schreibt Andreas Neeser sein Romandebut noch einmal neu

«Alpefisch» liest sich wie eine Rehabilitation. Der Aargauer Schriftsteller Andreas Neeser schreibt nun Mundart: entschlackt, reifer, mit Ironie. Die Geschichte bleibt: Es ist eine scheiternde Liebesgeschichte zwischen einer durch sexuellen Missbrauch traumatisierten jungen Frau und ihrem hilflosen neuen Freund. 

Hansruedi Kugler
Hören
Drucken
Teilen
Der Aargauer Schriftsteller Andreas Neeser.

Der Aargauer Schriftsteller Andreas Neeser.

Bild: zvg

Was für ein kurioses Vorhaben: Denselben schweren Stoff nach 25 Jahren nochmals zu schreiben – bloss mit neuer Erzählperspektive und nun in Mundart statt Schriftdeutsch. Man kann es frech und fantasielos finden. Oder aber notwendig. Zum Beispiel als spielerischer Akt sprachlicher Variation. Besser noch liest man es als Rehabilitation des Stoffes, der im Romandebut unter avantgardistischer, aber wirrer Dramaturgie und zu viel gestelztem Philosophieren fast unterging. Anfängerfehler! Nicht alle Kritiker haben ihm dies 1995 gnädig verziehen.

«Schattensprünge» hiess das längst vergriffene Romandebut des damals 31-jährigen Aargauer Germanisten und Deutschlehrers Andreas Neeser. Die Neubearbeitung unter dem Titel «Alpefisch» liest sich nun wie eine durch abgeklärtere Lebenserfahrung und literarische Reife schlanke, im Ton stimmige, schöne Erzählung.

Obwohl, schön ist der Stoff nicht gerade. Die Konstellation ist nämlich dieselbe geblieben: Zerstörte Seele trifft auf naiven Verliebten. Die durch langjährigen sexuellen Missbrauch in Jugendjahren traumatisierte junge Frau und der verwirrte junge Mann, der aus dem Teufelskreis seiner Hilflosigkeit mal unterwürfig, mal zornig sich in den Schutz der Gefühllosigkeit flüchtet. Es ist also eine an den Dämonen der Vergangenheit scheiternde Liebesgeschichte.

Der Ton in «Alpefisch» ist frisch und verspielt

Im Romandebut von 1995 dokumentierten seitenlange, nicht abgeschickte Briefe die Dialogunfähigkeit der beiden und gleichzeitig das Unauflösliche des Traumas. Was zwar theoretisch einleuchtete, aber beim Lesen den Makel reiner Kopfgeburten hinterliess. Da wurde in den Briefen zu viel behauptet, hochtrabend geschwafelt und allzu ausführlich psychologisiert, aber in der Erzählung zu wenig szenisch gezeigt. Lebendig wurden die Figuren so nicht.

Gespannt also liest man in die Neubearbeitung rein, weil das Thema der verpassten Liebe an sich dringlich und packend ist. Besonders in einer Situation, in der die Sprache nicht an das Unsagbare der traumatischen Verwicklung herankommt. Und in der Tat, der Ton in «Alpefisch» ist frisch und geradezu verspielt: «De Brunner brüetet. Tuusig Chritz und Chräbel im alte Brocki-Holz.» Mit der doppelten Alliteration und den lüpfig-niedlichen Mundartausdrücken signalisiert Neeser eine neue Leichtigkeit, eine Spur ironischer Distanz zur Schwere des Stoffs – und ersetzt das überambitionierte, gekünstelte Romandebut durch eine entschlackte Neuerzählung, die den Figuren deutlich näher kommt.

Absage an introvertierte Möchtegern-Schriftsteller

Die Geschichte bleibt dieselbe und die Parallelen zwischen den beiden Romanen sind bis in Details zahlreich: Die Fliege auf dem faulen Apfel, Brunners Rettungsträume und vieles mehr. Qualitäten des Debüts wie die akribischen Sachbeschreibungen und das nahtlos-elegante Gleiten vom Realen in Erinnerungen, Visionen und Tagträume bietet auch «Alpefisch».

Entscheidend sind die Unterschiede: Dass Neeser die Hauptfigur Brunner seine Geliebte Katrin viel weniger psychologisch analysiert, lässt dem Leser Luft. Vor allem aber kehrt er den jungen Brunner um hundertachtzig Grad. Er ist nicht mehr der introvertierte Möchtegern-Schriftsteller, sondern ein Sozialpädagoge. «Als junge Schnuufer sett me keni Büecher schriibe», sagt Brunner. Das Problem sei nicht, dass man nichts zu sagen habe, sondern dass man alles sagen wolle: «Alli Chnöörz und alli Füürz – s ganze Läbe.» Das liest sich wie ein Kommentar auf Neesers Romandebüt, und im neuen Roman als Vorbote der praktischen Lebensorientierung der Hauptfigur. Das Schicksal mag er trotzdem nicht ändern – auch der neue Roman endet nicht in einem Happy End.

Andreas Neeser Alpefisch. Roman, Zytglogge, 107 Seiten. Vernissage: 27.2., 20.15 Uhr, Theater Tuchlaube, Aarau.