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MUSIKTHEATER: Tristans sinnliche Passion

Frank Martins Oratorium «Der Zaubertrank» ist ein Klassiker der Schweizer Moderne, kommt aber selten auf die Bühne. Das Theater St. Gallen präsentiert nun eine betörende Inszenierung in der Lokremise; am Freitag hatte sie Premiere.
Bettina Kugler
Tödliche, unsterbliche Liebe: Tristan (Nik Kevin Koch) und Isolde (Sheida Damghani). Der Chor ist Hauptakteur in der Lokremise. (Bild: Tanja Dorendorf/T+T Fotografie)

Tödliche, unsterbliche Liebe: Tristan (Nik Kevin Koch) und Isolde (Sheida Damghani). Der Chor ist Hauptakteur in der Lokremise. (Bild: Tanja Dorendorf/T+T Fotografie)

Bettina Kugler

bettina.kugler@tagblatt.ch

Das Licht im Saal bleibt lange an. Zeit genug, auf einer der sechs Tribünen Platz zu nehmen, die wie eine Arena um die Spielfläche gebaut und durch Wandspiegel verdoppelt sind. Zeit auch, selbst Teil des zu erwartenden Geschehens zu werden, still einzutauchen in die Nebelschwaden über Cornwall, die sanft im Raum schweben und bald im Rachen zu kitzeln beginnen. Höchst unangenehm! Denn dieses Stück packt uns vom ersten Augenblick an im Nacken. Es nagelt uns auf dem Sitz fest, mäuschenstill der Erzählung lauschend. Hüsteln? Nicht jetzt! Also ringt man mehr als neunzig Minuten lang ohne Pause um Atem – und entdeckt unter Hochspannung ein selten gespieltes Meisterwerk des 20. Jahrhunderts neu: Frank Martins weltliches Oratorium «Der Zaubertrank», eine dichte chorische Nacherzählung der aus altfranzösischen Quellen überlieferten Sage von Tristan und Isolde.

Jede einzelne Chorstimme wird zum Mittäter

Uraufgeführt 1940 in Zürich in einer nur halbstündigen Version unter dem Titel «Le vin herbé», wurde das Stück in seiner Erweiterung eine Art Gegenentwurf zu Wagners wuchtiger spätromantischer Oper «Tristan und Isolde». Martin experimentierte mit Zwölftonreihen, befolgte die Regeln der Kompositionstechnik jedoch nicht sklavisch und fand zu einer eigenen Tonsprache: nahe am gesprochenen Wort, harmonisch schillernd. «Der Zaubertrank» ist ein in seiner Vielfalt dankbares, höchst anspruchsvolles Werk für Profichöre. Endlich einmal kann sich der Theaterchor unter der Leitung von Michael Vogel als Hauptakteur präsentieren – in einer sinnlichen, körperbetonten Inszenierung, in greifbarer Nähe zum Publikum. Immer wieder verteilen sich die Sängerinnen und Sänger, Akteure und Erzähler zugleich, in Polly Grahams Inszenierung neu im offenen Bühnenraum, sie wirbeln durcheinander und werden als Einzelstimmen hörbar. Unmöglich, sich dieser Verve musikalischen Erzählens zu entziehen.

Nach einer szenischen Umsetzung schreit «Der Zaubertrank» geradezu, nicht zuletzt wegen des theatralischen Stoffes, der todbringenden Liebe zwischen Tristan und Isolde. Isolde soll Tristans Onkel König Marke heiraten; durch einen magischen Trunk aber verfällt sie dem Neffen. Mehrere Bühnenproduktionen verhalfen Martins Werk in den Nachkriegsjahren zu Popularität, allen voran die szenische Uraufführung unter Ferenc Fricsay an den Salzburger Festspielen 1948. Dann aber verschwand das Oratorium bald von den Spielplänen, es wurde allenfalls noch konzertant aufgeführt oder auf CD eingespielt.

Theaterräume wie die Lok­remise bieten sich an für eine ­szenische Wiederbelebung. Die Co-Produktion mit dem Welsh National Theatre Cardiff rollt den mittelalterlichen Tristan-Stoff als eine weltliche Passion auf, wie ein Mysterienspiel. Mit ausdrucksstarken Solisten, die sich als Teil eines Erzählkollektivs verstehen, und mit einem Kammerensemble unter Hermes Helf­richt, das, in stimmungsvolles Licht getaucht, sehr präsent am Handlungsfaden mitspinnt.

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