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MUSIKTHEATER: Die Zauberkraft der Zwölftonreihe

Frank Martins Oratorium «Der Zaubertrank» wäre schon konzertant ein starkes Stück – noch mächtiger offenbart sich seine Magie, wenn es szenisch so suggestiv umgesetzt wird wie von Chor und Solisten des Theaters St. Gallen in der Lokremise.
Bettina Kugler
Isolde (Sheida Damghani) reicht Tristan (Nik Kevin Koch) den Liebestrank – im Hintergrund Martin Summer als Erzähler. (Bild: Tanja Dohrendorf)

Isolde (Sheida Damghani) reicht Tristan (Nik Kevin Koch) den Liebestrank – im Hintergrund Martin Summer als Erzähler. (Bild: Tanja Dohrendorf)

Bettina Kugler

bettina.kugler@tagblatt.ch

Der Auftrag kommt in einem glücklichen Moment. «Im Frühjahr 1938 hatte ich gerade keine grössere Komposition vor», wird Frank Martin später rückblickend schreiben, «aber ich beschäftigte mich mit der Sage von Tristan und Isolde.» Er nimmt das Buch mit der Nacherzählung des französischen Mediävisten Joseph Bédier hervor und komponiert ein etwa halbstündiges Werk für zwölf Solostimmen – Sänger des Zürcher Madrigalchors – und ein paar wenige Instrumente. «Le vin herbé» wird er es nennen. Martin beschränkt sich darin auf den verhängnisvollen ersten Teil des theaterwirksamen Tristan-Stoffes und schafft ein Gegenstück zu Richard Wagners spätromantischer Oper. Statt überlebensgrosse Gefühle auf die Bühne zu bringen, wählt er den schmalen Grat zwischen Drama und Erzählung, experimentiert mit Zwölfton­reihen und knüpft an alte Formen wie Passionsmusik, Madrigalkomödie oder Mysterienspiel an.

Reduzierte Mittel mit grösstmöglicher Wirkung

In seiner erweiterten, dreiteiligen Form ist «Le vin herbé» Schlüssel zum Gesamtwerk des 1890 in Genf geborenen Komponisten und ein überaus klangschöner, poetisch schillernder Klassiker der Moderne; auf die Bühne kommt das Stück freilich nicht allzu oft. Was auch damit zu tun hat, dass es höchste Ansprüche an den Chor stellt und die wenigen Solisten mit grösseren Rollen als dessen Teil versteht: Das widerspricht dem verbreiteten Stargehabe der Sparte Oper und der oft lieblos-routinierten Behandlung der Chöre. Ein Glücksfall also, dass am Theater St. Gallen nach wie vor der Ensemble­gedanke grossgeschrieben wird und der professionelle Theaterchor unter der langjährigen Leitung von Michael Vogel einem Stück wie Martins «Zaubertrank» souverän gewachsen ist. Zumal in einer Inszenierung, die auf Körpereinsatz und eine ausgeklügelte Choreografie (Jo Fong) vom ersten bis zum letzten Takt setzt. Die englische Regisseurin Polly Graham sprengt das Kollektiv des Chores auf und verteilt die Sängerinnen und Sänger konsequent im Raum. Dieser wirkt mit seinen sechs Tribünen und den Spiegeln in den Gängen dazwischen labyrinthisch: unentrinnbar, zugleich weit wie das Meer, auf dem die unmögliche Liebe zwischen Tristan und Isolde beginnt und endet.

Selten erlebt man die Ausdruckskraft und die erzählerische Magie der Stimme (jeder einzelnen!) in einer Oper so physisch nah wie in den gut eineinhalb Stunden, in denen sich die Choristen immer neu in greifbarer Nähe zum Publikum platzieren und es auf diese Weise mitnehmen in das «schöne Lied von Liebe und Tod», wie es im Prolog heisst. Das Oktett aus sieben Streichern (alle Studierende des Vorarlberger Landeskonservatoriums) und Klavier (Paul Lugger) musiziert gut sichtbar vor den unverhüllten Fensterfronten; Tim Mitchell leuchtet den offenen Bühnenraum stimmungsvoll aus. Licht, Schatten und Farbe spielen dabei auch musikalisch subtil zusammen. Hermes Helfricht am Pult liegt die plastische, geschmeidige Tonsprache Frank Martins; man sieht und spürt Helf­richts sängerischen Hintergrund als einstiger Dresdner Kruzianer. Die Instrumentalisten agieren so leidenschaftlich wie präzise, sie tragen die Handlung und treiben sie in sanften Wogen voran. Viel Ausstattung braucht das Werk nicht, um maximale Wirkung zu entfalten – der Spielort tut ein Übriges. Der Chor, unauffällig schwarz gekleidet, trägt ab und zu Stühle durch den Raum; für Liebesglück und Todesfahrt wird ein weisses Segel ausgelegt.

Viele Erzähler – und ein paar packende Solisten

Dass Martins chromatischer Stil, in dem drei Zwölftonreihen fast unmerklich eingearbeitet sind, Zauberkräfte besitzt, zeigt sich auch bei den Sängern in den wenigen Hauptrollen. Da ist David Maze als König Marke, altersmild und edel im Timbre. Tatjana Schneider (Brangäne) muss sich schuldig am Verhängnis fühlen und gestaltet ihre Partie mit packender Dramatik. Martin Summer ist nicht der einzige Erzähler, aber zweifellos der eloquenteste.

Sheida Damghani schlüpft als Isolde in die Rolle eines jungen Mädchens, das Gefühle impulsiv auslebt und dafür ihren Sopran überaus natürlich und berührend einzusetzen vermag. Tristan, von Ausstatterin April Dalton in einen grauen Anzug gesteckt, ist nichts weniger als ein farbloser Vasall: Nik Kevin Koch verbindet vorbildliche Textverständlichkeit mit lyrischer Potenz und spielt umwerfend facettenreich – als wolle er beweisen, dass dieses Stück entgegen seinem Etikett doch eine echte Oper ist.

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