MUSIKSZENE: Alternde Rebellen

Alt werden ist nie einfach, als Schweizer Rockstar ist es eine echte Prüfung. Manche machen ihren körperlichen Zerfall zum Thema. Andere wollen auch noch mit über 60 Revoluzzer sein.

Melissa Müller
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Endo Anaconda kokettiert auf der Bühne mit seinem körperlichen Zerfall. (Bild: Michael Schär)

Endo Anaconda kokettiert auf der Bühne mit seinem körperlichen Zerfall. (Bild: Michael Schär)

Melissa Müller

melissa.mueller@tagblatt.ch

Alte Schneehaufen auf Treppenstufen, Plattenbauten. Durch die triste Gegend schlendert Kuno Lauener im neuen Züriwest-Video «Schatteboxe». Dreitagebart, Augenringe, Dackelblick. Die Kamera kurvt um den einstigen «James Dean der Schweiz». So nannte ihn 1994 der Berner Musikjournalist Bänz Friedli.

Inzwischen ist der Sänger 56 und hadert nicht mehr mit dem Altern. Das war nicht immer so. «Kuno Lauener war lange gefangen im Bild, das die Leute sich von ihm gemacht hatten, er wurde wider Willen zum Sexsymbol», sagt Bänz Friedli. «Schlecht bekam ihm das musikalisch, als er mit über 40 noch immer den jungen Spund zu geben versuchte, dem Bild des jungen, wilden, sexy Kuno gerecht zu werden versuchte.» Jetzt sei der Berner nach längerer Pause nahtlos in die Rolle des «Elder Statesman» geschlüpft: nachdenklich, reflektierend, entspannt und mit Texten von geradezu literarischer Qualität. «Die Rolle steht ihm hervorragend.»

Ein Musiker ist kein Durchschnittsschweizer

Älterwerden im Schweizer Musik­business ist kein Zuckerschlecken. «Schweizer Musiker haben in der Regel kein Management um sich, das ihr Leben stützt und strukturiert, ihre Touren plant und Rücksicht nimmt auf ihre Macken», sagt Musik­autor Lurker Grand. Also nicht so wie bei den Stones, wo sich ein Tross von Therapeuten und Fitnessprofis um die Form des 74-jährigen Mick Jagger kümmert. «Ein Künstler ist nicht auf Sicherheit bedacht wie ein Durchschnittsschweizer, der den Ruhestand plant», sagt Grand. Dieses Leben richte sich nicht nach der Arbeitszeit von acht bis fünf, mit Aussicht aufs Wochenende. Die meisten Musiker sind Eulen: «Rock und Pop leben von der Magie der Nacht. Vom Heimspazieren morgens um vier. Daraus schöpft man Inspiration», sagt Grand. Und: «Ein Musiker geht nie in Pension.»

Das käme auch Toni Vescoli, 75, und Düde Dürst, 71, nie in den Sinn. Für ihre Bands, die Sauterelles und Krokodil, organisiert Grand in letzter Zeit Anlässe. Vescoli trete fast jedes Wochenende «im hintersten letzten Krachen» auf. Junggeblieben im Geist, leben beide sehr diszipliniert. Auch ihre Fans sind mehrheitlich zwischen 60 und 80.

Doch es gibt auch unvernünftige Barden. Endo Anaconda ist so einer. Der «Stille Has» wohnt in einem Bauernhaus im Emmental, nur mit Holzofen. Eine Wohnung in der Stadt könne er sich momentan nicht leisten, erzählte Andreas Flückiger alias Anaconda kürzlich dem «Blick». Er stehe auch aus materiellen Gründen auf der Bühne, bekennt der 61-jährige Vater von drei Kindern von drei Frauen. Sein Antrieb sei nicht etwa Sex, sondern die unbezahlten Steuern und Rechnungen. «Mein Problem ist, dass ich eine hohe Frauenquote hatte, und meine drei Kinder eine Ausbildung machen.» 2013 tourte Anaconda mit seinem Album «Böses Alter» durchs Land, jetzt hat er die Platte «Endosaurusrex» am Start – und lässt sich als letzter seiner Art feiern. «Endo kämpft offen mit dem bösen Alter, so dass wir mitleiden können», sagt Musikkritiker Bänz Friedli. Anaconda habe schon früh mit seinem körperlichen Zerfall kokettiert. Er sagte Sätze wie: «Mein Körper und ich, wir haben längst miteinander abgeschlossen.» Und nun, da das «böse Alter» tatsächlich allmählich eintrifft, spricht er zunehmend davon, dass seine Zeit ­begrenzt sei. «Manche Titel sind sogar von Todessehnsucht durchweht», sagt Friedli. «Musikalisch mag das stimmungsvoll und anrührend sein, für ihn persönlich ist’s eher tragisch: Mit zu vielen Giften hat er sich selbst geschunden.» Ein Musikerleben zehrt mehr an den körperlichen und psychischen Reserven als ein «normaler» Beruf.

Ein Beispiel dafür ist Polo Hofer, 71. «Polo Hofer, der Ärmste, ist alt und krank», sagt Friedli. «Schade ist, dass er künstlerisch und persönlich nie zur Gelassenheit fand, die ihm viele, gerade auch wir Kritiker, gewünscht hätten.» Immer habe es Polo Hofer noch mal «allen zeigen» wollen, immer habe er an die alten Erfolge anknüpfen wollen. Er wollte noch ganz «der Alte» – sprich: der Junge – sein.

Wie Johnny Cash zum «Grand Old Man» wurde

Friedli zieht als positives Beispiel den alten Johnny Cash heran. Auf «American Recordings» habe er es noch einmal allen gezeigt, indem er eben gerade nichts beweisen wollte, nicht an die wilden Zeiten anknüpfte, sondern still und leise wurde – «bluesig, reflektierend, laid-back, weise». Cash habe sich damals noch einmal neu erfunden, mit Hilfe des Produzenten Rick Rubin wurde er zum «Grand Old Man». Polo Hofer sei dies nur in vereinzelten Stücken wie «Fellini-Nacht» gelungen. Daneben verdarb er selber das Bild des grössten Entertainers, den das Land je hatte: mit Auftritten wie jenem im Schweizer Fernsehen, als er den Text von «Alperose» vergass. «Er hätte sich besser rar gemacht, um dann vielleicht noch mal mit einem Alterswerk zu verblüffen.»

Generell sei es für weisse, europäische Rockmusiker schwieriger, in Würde zu altern, weil das Rockbusiness Jugend, Wildheit und Sex voraussetze. «Das schwarze Entertainment assoziiert Altern viel mehr mit Weisheit, Würde und Ehre», sagt Bänz Friedli und liefert ein Beispiel: So konnten B. B. King und Koko Taylor auch alt und übergewichtig noch auf die Bühne, getragen von einer jungen Band und einem Publikum, das Alter nicht als etwas Verwerfliches ansah.