MUSIKGESCHICHTE: «Klingt gut» genügt ihnen nicht

Das Palace feiert den 50. Geburtstag des Münchner Musik- und Buchverlags Trikont. Franz Dobler, Mitautor eines dicken Bands zur «Trikont»-Story, liest aus dem Buch und legt anschliessend Musik des Labels auf.

Marc Peschke
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Bild: Blindtext Blindtext

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Was haben die Leute vom Münchner «Trikont»-Label nicht schon alles auf die Beine gestellt: Traditionelle Musik aus Bayern und Österreich veröffentlicht, Cajun und Zydeco aus dem Mississippi-Delta, Klezmer aus New York oder Gitarrenpop aus Süddeutschland. Heute ist «Trikont» eines der ältesten Indie-Labels der Welt. Seit 1967 wird in München ein rebellisch-radikaler, unangepasster Geist gepflegt.

Label-Künstler wie Hans Söllner, Bernadette La Hengst, Attwenger, Funny van Dannen, Rocko Schamoni, Walter Mossmann, Georg Ringsgwandl, Hank Williams, Jörg Fauser, Ton Steine Scherben oder die Express Brass Band – sie alle definieren sich nicht nur als Musiker und Autoren, sondern irgendwie auch anders: als Menschen, die politisch etwas zu sagen haben und ihre Meinung auch deutlich vertreten. Ob Musik aus der Ukraine oder aus Oberbayern: Platten von «Trikont» kann man eigentlich ungehört kaufen.

Ein Prachtband zum Geburtstag

Nun feiert «Trikont» seinen 50. Geburtstag in Form einer grossen Geburtstag-Tour, die am Freitag auch nach St. Gallen führt: Hauptperson des Abends ist Franz Dobler, der mit dem Label eng verbunden ist. Als Compilation-Zusammensteller, als Autor einer vorzüglichen Cash-Biografie und Linernotes-Schreiber. Und als Co-Autor eines neuen, liebevollen Prachtbands von Christof Meuleler: «Die Trikont-Story – Musik, Krawall und andere schöne Künste» (Heyne Verlag). Zusammen mit dem Tagblatt-Redaktor Marcel Elsener wird Franz Dobler dem Publikum das Buch zum «Trikont»-Jubiläum vorstellen und einen lebhaften Eindruck vermitteln, was «Trikont war», ist – und vielleicht auch, was da noch so alles kommen mag.

«Eine Insel im Sumpf» hat die «Süddeutsche Zeitung» das Label aus München-Giesing einmal genannt. Als Stachel im Fleisch des musikalischen Establishments fühlt man sich noch immer. Bücher von Che Guevara und Mao und bayerische Zither-Musik herauszubringen – und das nicht als Gegensatz zu verstehen, sondern darin vielleicht sogar ein gemeinsames Band erkennen: Das ist die ganz besondere, sehr spezielle Philosophie der «Trikont»-Macher Achim Bergmann und Eva Mair-Holmes.

Der Klang hinter den Tönen

Man darf versprechen: Dieser Abend wird etwas Besonderes. Es wird womöglich gesprochen werden über: Anarchisten in Bayern, Wirtshauskultur, Karl Valentin, über die Gesänge türkischer Gastarbeiter, über Punk und Polka, über vietnamesische Strassenmusik, über «Musik von unten» (und was das überhaupt sein soll) und über das Münchner Umland, das musikalische Perlen wie Koaflgschroa hervorgebracht hat.

«‹Klingt gut› ist uns immer schon zu wenig Begründung für unser Interesse an Musik», sagen Mair-Holmes und Bergmann. «Wir suchen den Klang hinter den Tönen, die Geschichte hinter der Fassade und die Energie und Entschlossenheit hinter jeder unserer Veröffentlichungen. Wir sind sicher, dass viele Menschen ganz unterschiedliche Musiken hören würden, wenn sie ihnen denn bekannt wären. Und den Diktatoren des statistischen Durchschnitts schreiben wir in ihre Bücher, dass Mehrheiten immer aus vielen Minderheiten bestehen.» Nach der Lesung bespielt Franz Dobler die Palace-Tanzfläche mit «Trikont»-Musik.

Marc Peschke

ostschweizerkultur

@tagblatt.ch

Fr, 3.11., 20 Uhr, Palace St. Gallen