MUSIKFILM: Das Geheimnis des «Zwick»

«Unerhört jenisch» widmet sich einer Musiktradition, welche die Schweizer Volksmusik massgeblich prägte. Der Film von Martina Rieder und Karoline Arn erzählt mit viel musikalischem Schwung.

Andreas Stock
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Auf den Spuren ihrer musikalischen Wurzeln: Patrick Waser, Stephan Eicher und Martin Waser (von links). (Bild: Frenetic)

Auf den Spuren ihrer musikalischen Wurzeln: Patrick Waser, Stephan Eicher und Martin Waser (von links). (Bild: Frenetic)

Andreas Stock

andreas.stock@tagblatt.ch

Sie reden nicht gerne über ihre Wurzeln und ihre Musik – wer kann es ihnen verdenken. Und das Wort «jenisch» mag Musiker Othmar Kümin schon gar nicht hören. Das sei schon eher eine Beleidigung, meint er. Die Distanzierung gründet in der Geschichte der Jenischen in der Schweiz. In den Medien sind in der Gegenwart vor allem die jenischen Fahrenden, die um die wenigen Standplätze für ihre Wohnwagen kämpfen müssen. Es handelt sich um eine Be­völ­kerungsgruppe, die durch ihre Beschäftigungen, sei es als Musikanten, Hausierer oder Kesselflicker, schon immer viel unterwegs waren, obwohl es auch viele Sesshafte unter ihnen gibt.

Die Filmemacherinnen Martina Rieder und Karoline Arn hatten sich bereits vor sechs Jahren mit «Jung und jenisch» dokumentarisch mit der jenischen Kultur beschäftigt. Für ihren neuen Dokumentarfilm wollten sie mehr über deren Musiktradition erfahren. «Niemand wollte darüber reden. Die Musiker wollten ihre Musik nicht in Zusammenhang mit ihrer Herkunft sehen», sagen sie über ihre ersten Recherchen. Doch schliesslich konnten sie das Vertrauen der Menschen gewinnen. Sie fokussierten sich auf Musikerfamilien aus den Bündner Bergen. Hier spüren sie den Familien Waser, Moser, Kolleg und Eicher nach – im Mittelalter zugewanderten und dann eingebürgerten Familien. Bei ihrer Musikforschung stossen die zwei Filmemacherinnen auf überraschende und kaum bekannte Tatsachen.

Nicht so urschweizerisch wie gedacht

So wird klar, wie massgeblich die jenische Musiktradition die Schweizer Volksmusik beeinflusst hat. Die vorwiegend beschwingten, schwungvollen Melodien, gespielt mit Handörgeli, Kontrabass und Geige, kommen beim Publikum seit jeher an, und früh wurde dazu getanzt. Die Musiker spielten und spielen ohne Noten und geben ihre Stücke von Generation zu Generation weiter. Der Film zeigt auch auf, dass die Stücke der jenischen Musiker aber sehr wohl von anderen notiert wurden – die sie dann als eigene Kompositionen ausgegeben haben. Der sogenannte «Hudigäggeler» entpuppt sich damit als gar nicht so urschweizerisch, wie manche das gerne wahrnehmen wollen.

Bekanntestes Gesicht im Film ist Stephan Eicher. Der berühmte Musiker hatte zwar geahnt, dass er jenische Vorfahren hat, doch geredet wurde in der Familie darüber nie. Allerdings fand Stephan Eicher im Keller zahl­reiche Instrumente seines Grossvaters. Und sein Bruder Erich entdeckt in den Archiven, dass ihre Wurzeln zu den Familien nach Obervaz in den Bündner Bergen führen, zum berühmten blinden Geiger Fränzli Waser und dem legendären Klarinettisten Paul Kollegger und ihrer «Fränzli»-Musik.

Dunkles Kapitel, ungebrochene Musikliebe

Mit Erich Eicher rollen die Filmemacherinnen auch das dunkle Kapitel der Diskriminierung und Verfolgung der Jenischen auf. Der Bündner Psychiater Joseph Jörger attestierte den jenischen Familien erbliche Minderwertigkeit. Seine rassistischen Thesen waren die Grundlage für die Aktion «Kinder der Landstrasse» (1926 bis 1973), als Kinder ihren Eltern weggenommen, in Heime eingewiesen, verdingt oder in Pflegefamilien untergebracht wurden.

Mit Christian Mehr alias Punk­rocker Chris Mohr kommt eines der letzten Kinder, das seiner Mutter weggenommen wurde, im Film vor. Christian Mehr kann nicht verstehen, wie die jenischen Familien noch Schweizer Volksmusik spielen können – wo ihnen dieses Land solches Unrecht angetan hat.

So sehr dieser finstere Aspekt Teil des Films über die jenische Musiktradition sein muss, Karoline Arn und Martina Rieder geht es vor allem um den besonderen Sound, das Geheimnis des «jenischen Zwick». Selbst wer sonst wenig Gehör für die Volksmusik hat, wird sich von der Spielfreude der Musiker und ihren lüpfigen Melodien mitnehmen lassen. Die Bündner Spitzbueba, die Moser Buaba, die Vazer Buaba oder die Gruppe Alpton, sie haben im Film ihre Auftritte. Und unter ihnen der jugendliche, hochvirtuose Patrick Waser, der verdeutlicht, wie die Tradition ungebrochen von Generation zu Generation weiterlebt. Sie haben immer noch viele Auftritte, doch leben können sie von ihrer Musik weiterhin nicht. Patrick Waser ist auch mit dabei in der Camargue, wo es – als musikalischer Höhepunkt des Films – zum Zusammenspiel mit Stephan Eicher kommt. Wie der ungestüme Waser den eher verinnerlichten, nachdenklichen Eicher antreibt, er auf seinem Schwyzerörgeli kaum zu bremsen ist, das macht Spass zu sehen und zu hören.

Jetzt in den Kinos Luna Frauenfeld, Roxy Romanshorn, Passerelle Wattwil und Kinok St. Gallen. Die Regisseurinnen und Musiker sind am Sa, 4.2., 18.30 Uhr, zu Gast im Kinok St. Gallen.