MUSIKBETRIEB: Keine Zwangsbekehrung

Der klassischen Musik gehe es schlecht, behauptet Berthold Seliger in seinem neuen Buch «Klassikkampf». So schlimm sieht es in der Ostschweiz aber nicht aus.

Martin Preisser
Merken
Drucken
Teilen
Junge Hörer im «Silbersee», wie das ältere Klassikpublikum oft genannt wird: Klassik-Open-Air 2017 vor der Tonhalle St. Gallen. (Bild: Michel Canonica)

Junge Hörer im «Silbersee», wie das ältere Klassikpublikum oft genannt wird: Klassik-Open-Air 2017 vor der Tonhalle St. Gallen. (Bild: Michel Canonica)

Martin Preisser

martin.preisser@tagblatt.ch

Steht die Klassik mit dem Rücken zur Wand? Der deutsche Publizist und Kulturveranstalter Berthold Seliger geht in seinem Buch «Klassikkampf», das er vor zwei Wochen auch in St. Gallen präsentiert hat, hart ins Gericht mit erstarrten Ritualen, mit einer festgefahrenen Wohlfühl- und Eventkultur, aber auch mit dem Starkult im Klassikbetrieb.

Das Palace St. Gallen als eigentliches Nicht-Klassik-Kulturhaus hat im Rahmen der Reihe «Erfreuliche Universität» zu einer Podiumsdiskussion eingeladen, an der die Thesen Seligers auf ihre Bedeutung und Gültigkeit in der Ostschweizer Klassiklandschaft abgeklopft wurden. «Saiten»-Redaktor Peter Surber moderierte den Anlass.

Entscheidung für Klassik erst im höheren Alter

Auch in der Ostschweiz sitzen vor allem ältere Menschen im Konzert. Das Durchschnittsalter liegt auch in der Tonhalle St. Gallen bei sechzig Jahren. Trotzdem mag der St. Galler Konzertdirektor Florian Scheiber das «Alten-Bashing» nicht. «Die Alten wachsen nach», sagt er. Viele Menschen entschieden sich erst nach der Karriere- und Familienplanung für regelmässige Klassikkonzerte. Noch weiter geht die Basler Komponistin und Geigerin Helena Winkelman: «Ich schreibe gerne für alte Menschen. Das Urteil erfahrener Hörer, vor allem Frauen, ist mir wichtig.»

Sind für den Klassikhörer-Nachwuchs die Musikschulen die geeignete Institution? Christian Braun, Leiter der Musikschule der Stadt St. Gallen, denkt breit. «Wir unterrichten Kinder, die Musik wirklich machen wollen.» Natürlich würden auch Talente gefördert, aber es gehe vor allem um ein vielfältiges Angebot, eine breite Möglichkeit, Kindern musikalische Erlebnisse zu ermöglichen. Handlungsbedarf sieht Braun bei Kindern mit Migrationshintergrund. «Da müssen sich die Musikschulen schleunigst auf den Weg machen.»

Klassische Konzerte basieren bis heute auf Ritualen, die sich im 19. Jahrhundert herausgebildet haben. «Der Mensch hat ein Bedürfnis nach Ritualen», verteidigt Florian Scheiber diese. Christian Braun will etablierte Rituale aber hinterfragt wissen, zumal in der Zeit vor der Romantik Musikhören in ganz anderen Formen stattgefunden habe.

Keine Vorurteile zementieren

Insgesamt nahm das Podium zu Berthold Seligers kämpferischem Buch und seinen provokanten Thesen eher eine distanzierte Haltung ein. «Es besteht die Gefahr, wenn man immer auf denselben Dingen herumhackt, dass sich Vorurteile gegen den Klassikbetrieb zementieren», findet Helena Winkelman. Das gelte auch für die immer wiederkehrende Kritik, dass zu wenig zeitgenössische Musik auf den Konzertprogrammen stehe. «Neue Musik muss sich dem Publikum stellen», sagt Florian Scheiber, und sie müsse es auch emotional ansprechen. «Wie eben Musik von Helena Winkelman», so sein Kompliment an die Komponistin.

Zeitgenössische, aber auch Alte Musik in Nischen? Das wurde am Podium gar nicht problematisch gesehen. Auf keinen Fall möchte man eine Zwangsbekehrung des Publikums, das sich seine Musik und seine Stilrichtungen heute bewusst selbst aussuche.

Eher verhalten reagierte man auch auf Seligers These, dass in Konzerten viel zu wenig aussereuropäische Musik erklinge. Für Florian Scheiber ist Crossover ein Reizwort, vor allem, wenn «lauwarm» für einen kurzen Event Kulturen zusammengeführt würden: «Das geht nicht auf Verordnung.» Auch Helena Winkelman, die sich selbst immer wieder mit aussereuropäischen Kulturen beschäftigt, warnt vor dem schnellen Import fremder Musikwelten. «Das funktioniert nur, wenn solche Musik wirklich tief durchdacht und sensibel in unsere Tonsprache integriert wird.» Ein schönes Crossover ist aber durch das Podium schon einmal angedacht: Florian Scheiber versprach den Kontakt mit dem Palace, um dort einmal Klassik zu spielen.

Nächster Klassikanlass im Palace St. Gallen: Komponistenporträt Charles Uzor: Di, 7.11. 20.15 Uhr palace.sg