Musikalischer Höhenflug – Einmal Mars und zurück

Das Lucerne Brass Ensemble zeigt in fünf neuen Werken von Schweizer Komponisten mit fantastischen Interpretationen, wie vielschichtig und neuartig ein Blechbläserensemble klingen kann. Man erlebt diese Reise zu neuen Horizonten hautnah mit.

Gerda Neunhoeffer
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Die sieben Mitglieder des Lucerne Brass Ensembles. (Bild: PD)

Die sieben Mitglieder des Lucerne Brass Ensembles. (Bild: PD)

Da stehen sie fest geerdet auf der Bühne im Marianischen Saal Luzern, und doch scheinen sie immer wieder abzuheben, in fremdartigen Tönen zu verschmelzen oder auseinanderzudriften bis in ferne Galaxien.

Das Lucerne Brass Ensemble begibt sich am Freitagabend auf die Tour «New Horizons», und der Name ist Programm. Es sind zwar nicht Uraufführungen, denn die Reise begann schon am 1. Februar in Weinfelden, aber es sind die Erstaufführungen in Luzern. «Wir spielen sieben Konzerte in sechs Kantonen», sagt Posaunist Manuel Imhof, «und für die Werke bekamen fünf Schweizer Komponisten den Auftrag von uns. Sie hatten alle eine Carte blanche für ihr Stück. Dass wir auch mal mit den Komponisten proben konnten, war besonders interessant.»

Werke gehen an Grenzen des Spielbaren

Die Kompositionen sind so unterschiedlich wie ihre Schöpfer, den Musikern quasi auf den Leib geschrieben und gehen dabei an Grenzen des Spielbaren. Ein spannendes Abenteuer für die Komponisten, das Ensemble und die Zuhörer. Dass es bisweilen auch an akustische Höchstgrenzen geht, liegt am Saal und nicht an dem exquisiten Brass Septett.

Wie mag es wohl klingen, wenn Astronauten das erste Mal auf dem Mars landen und dort einen Walzer tanzen? Sandor Török setzt diese Vorstellung in «Waltz on Mars» fantastisch in Töne um. Wie man sich von fern dem Planeten zu nähern scheint, mit leise tastenden Trompetenklängen, wie man aufsetzt und dann zu tanzen beginnt, das lässt hören, dass Török Filmmusik schreibt. Die tapsigen Schritte, die sich im Kreis drehen, immer schneller werden und dann aus dem Takt kommen, klingen mal wie Heimweh, mal wie ungezügelte Freude.

In Daniel Schnyders «Berlin–Paris» vermischen sich in rasantem Wechsel Musikstile aus den 1920er-Jahren. Die Trompeter Niklaus Egg, Urs Itin und Mat­thias Keller setzen hell filigrane Themen, die an Kurt Weill erinnern, gegen weich schmelzende Walzerklänge wie von Ravel in Posaune und Waldhorn (Roger Müller).

«Blue Notes» klingen nach Gershwin in Eufonium (Irmgard Ripfel) und Tuba (Amos Gfeller), rhythmisch atemberaubende Sequenzen ziehen sich durch alle Instrumente wie in Strawinskys «Le Sacre du Printemps», und dann ist da plötzlich Jahrmarktfeeling, weil sich alle Musikstile übereinanderschieben. Die grossen Schwierigkeiten des Stückes werden bravourös bewältigt, und im «Brass Septett» von Jean-François Michel spielen sich die Musiker durch sämtliche Harmonien, die sich in Clustern verschieben, um dann plötzlich mit reinem Dur zu überraschen. Das melodisch elegische Largo endet in rhythmischen Atemzügen, während sich im dritten Satz aus rufartigen Melodien ein immer schneller werdendes Klangkarussell dreht.

Harmonien und Klänge werden zu neuen Sounds

In «Ex-Nihilo» fügt Ludovic Neurohr Harmonien und Klänge zu neuen Sounds zusammen und hat in Lucerne Brass ideale Interpreten. Mit ihrem warmen Klang und ihren farbenreichen Spielvariationen geben sie dieser neuen Schöpfung vielschichtigen Ausdruck. «Blue Starters» von Oliver Waespi kommt in Anfang, Mitte und Ende des Konzertes. So beginnt der Abend mit kraftvollen Akkorden, bluesartigen Klängen, durchlaufenden Rhythmen, virtuosen Trompetenpassagen und weichem Posaunensolo.

Der mittlere Satz ist wie eine getragene Hymne, aus der sich Solokadenzen in Horn und Eufonium herausheben. Die «Toccata off the Beat» bildet mit vielen schnellen Tonrepetitionen in allen Instrumenten und virtuosen, effektvollen Klangverschiebungen einen grossartigen Ausklang.